Trauerbegleitung bei Kindern

Kind: Was ist das da oben?“ (zeigt auf die Kondensstreifen am Himmel) 
„Was denkst du, was das sein könnte?“
Kind: „Das ist Opa. Er malt im Himmel.“

Dies ist ein Gesprächsausschnitt zwischen einem vierjährigen Mädchen und mir, dessen Opa kurz davor verstorben war. Zum Glück ist die Familie dieses Mädchens sehr offen mit dem Thema ‚Tod‘ umgegangen. In der Arbeit mit Kindern stellt jedoch die Angst vor dem Sterben und dem Tod eine große Hürde. Diese Angst wird von Generation zu Generation weitergegeben. In vielen Familien wird über das Sterben und den Tod gar nicht gesprochen. Es wird im wahrsten Sinne totgeschwiegen. Es ist auch ungewohnt, die Kinder mit in Krankenhäuser oder auf Beerdigungen mitzunehmen. Das Schweigen zu einem allgegenwärtigen Thema lässt jedoch bei vielen Kindern Fragen unbeantwortet: Was passiert auf einer Beerdigung? Wie sieht die verstorbene Person aus? Was ist ein Grab? 

Kind: „Wie passt Mama in die Urne?“

Als mir ein 8-jähriger Junge, dessen Mutter kurz davor nach langer Krankheit verstorben war, diese Frage stellte, war ich total perplex. Ich bat ihm um Zeit zum Nachdenken. Später sprach ich mit den Großeltern. Sie konnten mit Hilfe eines Bilderbuches erklären, wie die Mutter in eine Urne kommt. Wäre niemand auf die Frage eingegangen, hätten sich Horrorbilder entwickeln können, die mit dem Alter weitergetragen und an die nächste Generation vererbt würden. 

Es ist wichtig, nur auf die Fragen zu antworten, die gestellt werden. Antworten auf noch nicht gestellte Fragen können Kinder überfordern und ängstigen. Es fällt jedoch den Erwachsenen schwer, abzuwarten bis das Kind seine Fragen stellt. Schnell kommt eine Frage wie zum Beispiel: „Ich habe gehört deine Oma ist verstorben. Wie geht es dir?“. Die Frage ist sicherlich gut gemeint und soll dem Kind Unterstützung und Sicherheit signalisieren. Sie kann aber das Gegenteil bewirken. Denn das Kind muss sich mit dem Thema auseinandersetzen, obwohl es noch nicht so weit ist. Im schlimmsten Fall weiß das Kind nicht mal von dem Verlust und wird mit der Frage vor vollendete Tatsachen gestellt. 

Kinder trauern nicht nach einem festen Fahrplan. Es gibt verschiedene Trauermodelle, die den Prozess des Trauerns erklären. Eine der Kernaussagen all dieser Modelle lautet: trauern kann, darf und muss dauern. Es gibt keine Stoppuhr für die Trauerphasen. Es gibt Unterschiede bei der Trauerverarbeitung zwischen Erwachsene und Kindern: Kinder können sehr intensiv und unregelmäßig trauern. Es wird auch von Trauerpfützen gesprochen; ein sehr hilfreiches Bild bei der Trauerbegleitung der Kinder.

„Wer war als Kind/Jugendliche:r auf einer Beerdigung?“

Ein weiterer Aspekt, der bei der Verarbeitung des Todes eine Rolle spielt ist der geistige Entwicklungsstand der trauernden Person bzw. ihre kognitive Fähigkeit zum Erfassen des Todes. Dieser Faktor ist insbesondere bei den Kindern, die durch den Tod einer nahstehenden Person mit dem Thema Tod in Berührung kommen, zu berücksichtigen. Es ist wichtig, sich die Frage zu stellen, wie Kinder in den verschiedenen Phasen ihrer geistigen Entwicklung das Thema Tod verstehen und wie wir sie in ihrem Trauerprozess im Falle des Todes einer nahestehenden Person (oder Lebewesens) begleiten können. Es macht zum Beispiel einen Unterschied, ob sich das Kind in der sensomotorischen Phase oder in der voroperativen Phase befindet. Die sensomotorische Phase ist für die Trauerarbeit nicht relevant, da es noch kein bewusstes Denken gibt. Erst am Ende der ersten Phase, mit der Entwicklung der Objektpermanenz, entwickelt sich ein Verständnis von nicht sichtbaren Gegenständen. Die Kinder verstehen, dass es etwas außerhalb ihres Sichtfeldes gibt. Im Alter ab zwei Jahren entwickelt sich bei Kindern die magische und fantastische Welt, in welcher die realen Geschehnisse verarbeitet werden. Das Wissen, dass der Tod irreversibel ist, fehlt den Kindern  in diesem Alter immer noch. Der Tod wird zum Beispiel als Schlaf gedeutet, sie denken das die verstorbene Person wieder aufwacht. Es ist für Kinder nicht verständlich, dass eine verstobene Person nicht wieder kommt. Ein weiteres Zeichen für diese Phase ist der Animismus. Das Kind denkt, dass alles ein Leben innehat. Daher ist ein verschwundenes Plüschtier mehr als ein Kuscheltier. Es ist lebendig und sein Verlust kann der erste Kontakt mit Trauer sein. Dieser Verlust muss auch verarbeitet werden und kann von Eltern und pädagogischem Fachpersonal begleitet werden. 

Bilderbücher sind gute Hilfsmittel für indirekte Trauerbegleitung

Ein Bilderbuch kann ein Tor zur Welt sein. In einem Buch können sich Kinder wiederfinden und sich mit den Figuren und der Geschichte identifizieren. Es gibt drei unterschiedliche Gruppen von Bilderbüchern: Bücher ohne Text, Bücher mit kleinen Textabschnitten und Bilderbücher, in denen Text und Bild im Gleichgewicht dargestellt werden. 

Es gibt sehr viele Bücher für Kinder und Jugendliche, welche die Thematik Sterben, Tod und Trauer behandeln. Die Vielfalt der Bücher spiegelt die Realität wider. Es sterben nicht nur Oma und Opa, sondern Tiere, Geschwister, Eltern, Freunde. 

Für die Beurteilung der Kindgemäßigkeit eines Bilderbuchs, das zum Thema Sterben und Tod geschrieben wurde, schlägt die Theologin und Pädagogin Martina Plieth acht Kriterien vor. Das erste Kriterium ist die Berücksichtigung literarästhetischer Aspekte. Bei diesem Kriterium soll die Frage gestellt werden, ob Bildgehalte und Textaussagen miteinander kongruent sind und der jeweils anvisierten erfahrbaren Wirklichkeit entsprechen. Das zweite Kriterium ist die Qualität bildhafter Elemente. Hier wird die Frage gestellt, welche Funktionen die Bilder übernehmen und ob ihre Wirkung horizonteröffnend ist oder einengend und entfaltungshemmend. Das dritte Kriterium ist die Authentizität der Sterbe- und Todesdarstellung. Hierfür soll geprüft werden, ob typisch kindliche Erfahrungsformen im Buch widergespiegelt werden und ob das Buch die Wirklichkeit der physisch-psychischen Realität der RezipientInnen entgegenkommt. Beim vierten Kriterium, nämlich dem Veranschaulichungsgrad von Stimmungswerten wird danach gefragt, ob und wie emotionale Beteiligung der im Buch agierenden ProtagonistInnen zum Ausdruck gebracht wird und welche psychischen Reaktionen angesprochen werden. Das fünfte Kriterium ist die Plausibilität von Lösungs- und Bewältigungsstrategien. Es wird danach gefragt, ob mögliche Prozesse psychischer Verarbeitung von Sterben, Tod und Trauer nachvollziehbar dargestellt werden. Das sechste Kriterium ist die Tragfähigkeit von Konsolationselementen. Damit sind die Hoffnungs- und Trostelemente gemeint, die im Buch vorkommen, um dem Schrecken und der Verunsicherung, die durch Sterben und Tod ausgelöst werden könnten, entgegenzuwirken. Das siebte Kriterium ist die Kontinuität von Kommunikations- und Interaktionsstrukturen. In diesem Kriterium wird danach gefragt, inwieweit die Beziehungsmuster, die im Buch zu finden sind, längerfristig und aufbauend fortgeführt werden können. Das achte Kriterium ist der Offenheitsgrad bezüglich religiöser Wertmaßstäbe. 

Zum Schluss betone ich nochmals, dass die Trauerarbeit und Strategien der Trauerbewältigung ein wichtiger Bestandteil der Fortbildung für PädagogInnen sein sollen und es notwendig ist, sich damit zu befassen, da man im Berufsleben sowie im Privaten nicht um das Thema herum kommt.

Autor: Martin Guitoo
Kindheitspädagoge, Einrichtungsleitung Kita Musica, Kiel
Email: martin.guitoo@web.de

Abschied von Opa Elefant

Eine Bilderbuchgeschichte über den Tod,
Isabel Abedi, Miriam Cordes

Wohin geht Opa Elefant? Die Kinder haben viele Fragen. Opa Elefant verabschiedet sich bei seinen Enkelkindern. Er erklärt ihnen, dass er sterben und nicht zurückkommen wird. Die Elefantenkinder überlegen, was wohl passiert, wenn man gestorben ist. Geht man auf den Wolken spazieren und macht mit den Engeln Musik? Oder kommt man als Schmetterling zurück? Aber eines wissen die Kinder ganz genau: In ihren Träumen und Gedanken wird ihr Opa immer bei ihnen sein. Eine einfühlsame Bilderbuchgeschichte, die Eltern hilft, mit ihren Kindern über Tod und Verlust zu sprechen. Mit besonders stimmungsvollen und malerischen Bildern. 
Verlag ellermann, ISBN: 978-3-7707-4292-9, € 13,00, ab 3 Jahren