Braucht mein Kind Ergotherapie?

Mit dieser Frage stellen sich viele Familien in der Kinderarztpraxis vor. Die Notwendigkeit einer Therapie setzt zunächst voraus, dass auch eine tatsächliche Störung vorliegt. Dies zu beurteilen, liegt in den Händen der Kinderärztin/ des Kinderarztes. In den letzten Jahren ist der vermeintliche Therapiebedarf für Kinder mit Entwicklungsstörungen deutlich gestiegen. Der Alltag von Familien verdichtet sich zunehmend. Gleichzeitig steigt die Erwartung an die Kinder. 

Wenn tatsächlich eine Störung der Wahrnehmung, Konzentration, Motorik oder des Sozialverhaltens vorliegt, wird die Kinderärztin/ der Kinderarzt ggf. kurzfristig bei klar zu benennenden Defiziten eine Ergotherapie verordnen oder bei Bedarf weitergehende Diagnostik veranlassen. 

Was können Eltern zur Förderung der Kinder beitragen? Das häusliche Umfeld des Kindes ist ein wichtiger Ort für die Prägung der Fähigkeiten des heranwachsenden Kindes. 

Kinder im Vorschulalter lernen am besten durch eigenes Handeln.  Vor Schulbeginn sind Kinder stolz darauf, Tätigkeiten, die bislang den Erwachsenen vorbehalten waren, selbst zu übernehmen. 

Förderung im Alltag vor Therapie 

Einkaufen

Lassen Sie Ihr Kind kleinere Dinge einkaufen. Auf einen Schlag werden zahlreiche Fähigkeiten trainiert. Das Kind muss sich auf den Weg konzentrieren, den Verkehr beachten. Im Geschäft muss es die Waren finden, eventuell der Bäckereiverkäuferin die Brötchenliste geben. Dabei wird es während des Einkaufs durch eine Vielzahl an Eindrücken abgelenkt. Eine besonders effektive Übung der Konzentration. 

Haushalt 

Wer deckt heute den Tisch? Lassen Sie ihr Kind überlegen, wie viele Personen an der Mahlzeit teilnehmen werden und passend dazu Geschirr und Besteck decken. 5-Jährige können Gurken, Möhren o.ä. schneiden, ihr Brot selbst schmieren, ein Müsli einfüllen und Milch eingießen. 

Draußen spielen

Gehen Sie jeden Tag mit Ihrem Kind raus. Es braucht nicht immer einen Spielplatz. Auch auf Gehwegen kann man versuchen, nicht auf die Linien zu treten, findet Kanten, Mauern, Baumstämme zum Balancieren. Welche Form haben eigentlich die Verkehrsschilder, welche Farben die Autos? Die Welt um uns herum gibt so viel Möglichkeiten, etwas zu entdecken und mit dem Kind ins Gespräch zu kommen.

Telefonieren 

Zeit, mal wieder die Oma anzurufen? Lassen Sie ihr Kind das Telefonat führen. Das kostet ein wenig Mut und wird mit viel Stolz und sicherlich Begeisterung am anderen Ende der Leitung belohnt.

Gesellschaftsspiele

Abwarten, verlieren können, die Augen auf dem Würfel zählen… Und auch mal gewinnen und sich darüber freuen. In der Gruppe ein Spiel spielen, macht Spaß. Nicht alle Kinder haben das gleiche Ausmaß an Durchhaltevermögen und auch die Eltern haben nicht jeden Tag Zeit für aufwändige Gesellschaftsspiele. Passen Sie die Spiele an Ihre Möglichkeiten an. Eine Runde „Skibbo“, „Uno“ oder „Tempo kleine Schnecke“ geht fast immer.

Mit dem Beginn der Schule sind viele Kinder erst einmal ausreichend beschäftigt. Nach der Schule sind sie erschöpft und nicht immer gut gelaunt und gesprächsbereit. Eltern bereitet dies manchmal Sorgen. Bitte geben Sie Ihrem Kind Zeit, mit den neuen Anforderungen zurecht zu kommen. Dies sollte bitte nicht dazu führen, dem Kind altersgerechte Aufgaben wieder abzunehmen. Als Resilienz bezeichnet man die mentale Widerstandsfähigkeit, schwierige Lebenssituationen zu meistern. Wer also ein hohes Maß an Resilienz hat, ist in der Lage, neue, schwierige Aufgaben im Leben zu bewältigen.  Die Schule ist ein wesentlicher neuer Lebensabschnitt, der für viele Kinder auch eine Herausforderung darstellt. Wollen wir die Kinder stärken, dann trauen wir ihnen diese zu und bestärken sie darin, dass sie es schaffen werden. Übung macht den Meister. Für Kinder kann es eine ganz neue Erfahrung sein, dass sie Lesen, Schreiben, Rechnen üben müssen und nicht nur zeigen sollen, was sie schon können.

Schulweg

Wer sich einmal die Zeit nimmt, die Straßen vor Grundschulen morgens zu beobachten, wird feststellen, dass (zu) viele Kinder mit dem Auto in die Schule gebracht werden. Nicht zuletzt durch Eltern von Grundschulkindern wird der Verkehr im Bereich von Grundschulen zur Gefahr. Der Weg zur Arbeit der Eltern liegt auf dem Weg, die Kinder wohnen zu weit weg, die Eltern möchten sicher gehen, dass ihr Kind heil ankommt. Schulreife bedeutet auch, dass man seinen Schulweg als Kind bewältigen kann. Falls Sie auf ein Auto auf dem Schulweg angewiesen sind, lassen Sie Ihr Kind 500m vor der Schule, in verkehrsgünstiger Lage aussteigen und den Rest des Weges alleine gehen. Was für ein tolles Gefühl, andere Kinder auf dem Weg zu treffen und gemeinsam ein wenig Zeit zu haben ohne Erwachsene. Es regnet? Wunderbar! Mit entsprechender Regenjacke ausgestattet, fördern sie auch noch die Wahrnehmung Ihres Kindes. Wie fühlen sich Regetropfen im Gesicht an? 

Es mag sich manchmal anfühlen, als ob Sie Ihrem Kind etwas zumuten. Kinder profitieren jedoch nicht davon, in Watte gepackt zu werden. Fordern Sie Ihr Kind heraus, trauen Sie ihm etwas zu!

Autorin:
Dr. med. Wiebke Birnbaum
verheiratet, drei Kinder
Kinderärztin in der Kinderarztpraxis Stresemannstraße