Anders als der Durchschnitt – Hochsensible Kinder

Hochsensibel? Gegenüber was?“, wurde ich gefragt. Berechtigte Frage, dachte ich und schaute bei Wikipedia nach: „Hochsensibilität (auch: Hochsensitivität, Hypersensibilität oder Überempfindlichkeit) ist ein Phänomen, bei dem Betroffene stärker als der Populationsdurchschnitt auf Reize reagieren, diese viel eingehender wahrnehmen und verarbeiten. Bis heute existiert jedoch keine eindeutige und anerkannte neurowissenschaftliche Definition des Phänomens, was Hirnforscher auf die noch in den Kinderschuhen steckende High-Sensitivity-Forschung zurückführen.“

Auch wenn es ein noch unerforschtes Phänomen ist, wird geschätzt, dass 15 – 20 Prozent aller Menschen hochsensibel sind! Sie vielleicht auch? Empfindsam kann man in vielen Bereichen sein: Hatten Sie schon einmal das Gefühl, sich selbst im Weg zu stehen, da Sie Äußerungen zu persönlich genommen haben, sich zu schüchtern und introvertiert vorkamen oder einfach kein Gruppenmensch sind? Sie mögen vielleicht Dinge nicht, die für andere ganz normal sind, wie Zahnpasta im Mund oder glattes dünnes Papier in der Hand? Dann hatten Sie es in Ihrer Kindheit auch schwer den üblichen Anforderungen in Kita und Schule gerecht zu werden und fanden jetzt als erwachsene Person hoffentlich ein Betätigungsfeld und Freunde, wo diese „Besonderheiten“ nicht ständig kritisiert werden, sondern Sie Ihre Stärken ausspielen können? Sie haben mit einer hohen Wahrscheinlichkeit ebenso zart besaitete Kinder. Hochsensibilität ist eine Wesensart und wird häufig vererbt. Haben sie ein Kind, welches manchmal nicht von dieser Welt zu sein scheint, sehr gefühlsbetont und verletzlich ist? Kein Fachmann, kein Therapeut schaffte es, Ihrem Kind zu helfen, mit der Realität klarzukommen. Akzeptieren Sie doch einfach diesen Wesenszug und bieten durch ein informiertes und verständnisvolles Umfeld dem Kind die Möglichkeit, seine Sensibilität als Chance zu begreifen. Bestimmte Befindlichkeiten lassen sich etwas wegtrainieren – sensibel bleibt man. Vielen besonders empfindsamen Menschen „fällt ein Stein vom Herzen“, wenn sie von dem Konzept der Hochsensibilität erfahren und fühlen sich endlich verstanden. Geben Sie auch Ihrem Kind dieses Gefühl.

Hochsensibilität wird aufgrund der Andersartigkeit oft als Fluch gesehen. Begreifen Sie es als ein Segen! Die Wahrnehmung sensibler Menschen ist intensiver und differenzierter als es durchschnittlich der Fall ist. Diese Menschen können aus einem viel größeren Pool von Informationen und Empfindungen schöpfen. Die sinnlichen Wahrnehmungen, Befindlichkeiten anderer, eigene Gedanken und selbst weit hergeholte Zusammenhänge liegen in einer sehr hohen „geistigen Auflösung“ vor. Es ist vergleichbar mit einem digitalen Foto, welches empfindsame Menschen in einer viel höheren Auflösung wahrnehmen und mehr Details erkennen. Dadurch beansprucht man aber auch mehr Speicherplatz, Energie und Zeit für die Verarbeitung dieser Information. Eine hohe Sensibilität geht oft mit Hoch- oder Sonderbegabungen einher. Das Problem besteht nur darin, diesen massenhaften Input zu „verdauen“, zu filtern und einzuordnen und zwischen wichtiger und unwichtiger Information zu unterscheiden. Daraus erwächst die Gefahr einer Überforderung, Überreizung und der „Verlandung“ dieses hervorragenden Potentials.

Ist Ihr Kind hochsensibel?
Eine eindeutige Definition für Hochsensibilität gibt es nicht. Im Folgenden werden mögliche Eigenschaften aufgezählt, die für ein hochsensibles Kind typisch sind. Empfindsame sind nicht gleich! Sie können auch sehr offen, kommunikationsfreudig und stark sein oder auch mal hektisch, aufbrausend und explodierend wirken, da sie versuchen, die reichhaltigen Eindrücke loszuwerden. Die Vielfalt der möglichen Eigenschaften ist weit gefächert und zeigt hier einen Teil davon:

  • kreativ, fantasievoll (reiches Innenleben, große Vorstellungskraft),
  • oft gewissenhaft (daher unglücklich, wenn etwas nicht „perfekt“ ist)
  • pfiffiger als andere (hat Sonder-/Hochbegabungen)
  • feinfühlig, intuitiv, manchmal „hellfühlig“ (nimmt unterschwellige Stimmungen und Befindlichkeiten wahr)
  • erhöhte Ängstlichkeit
  • intensives Erleben von Kunst und Musik (gefühlvoll, intensive Emotionalität, aber nicht immer nach außen gerichtet)
  • mitfühlend, empathisch
  • ausgeprägter Altruismus (Uneigennützigkeit)
  • Gerechtigkeitssinn
  • Harmoniebedürfnis
  • introvertiert
  • gilt als schüchtern, kein Gruppenmensch
  • oft fehlende Frustrationstoleranz
  • strikt in seiner Meinung, stur
  • mag klare, verlässliche Strukturen/ Rituale, an denen es sich orientieren kann
  • Spontanität ist ein Graus, möchte sich auf Erlebnisse vorbereiten
  • mag lieber selbst bestimmen, was es macht, um überraschende Einflüsse/ Reize zu reduzieren

Deshalb sind hochsensible erstaunlicherweise manchmal Führungspersönlichkeiten/„Alphatypen“.

Auf Hochsensibilität testen

Diesbezügliche Tests laufen immer Gefahr, nur ein allgemeines Raster darzustellen zu können. Das individuelle Temperament bleibt unberücksichtigt. Ebenso können nur wenige Merkmale zutreffend sein, diese aber extrem ausgeprägt. Wir empfehlen trotzdem so einen Test durchzuführen, damit Sie einen Anhaltspunkt für die Sensibilität Ihres Kindes erhalten.

Wie können wir hochsensiblen Kindern helfen?

Nehmen Sie Ihr Kind so wie es ist. Schenken Sie ihm eine wohlgesinnte Aufmerksamkeit. Betrachten Sie es als eigenständiges Wesen, das letztlich seinen eigenen Weg finden muss, auch wenn es vielleicht nicht der Weg ist, den Sie für Ihr Kind geplant haben. Es ist eben besonders und anders.

Schaffen Sie Ihrem Kind nach dem Alltag voller Reize in Kita und Schule Ruhepausen und Rückzugsmöglichkeiten. Wenn Ihr Kind allein sein möchte, lassen Sie es allein. Versuchen Sie nicht, Ihr Kind vor der Außenwelt zu bewahren. Führen Sie es dosiert an die Wirklichkeit heran. Besprechen Sie mit Ihrem Kind Ihr Vorhaben. Wenn es dieses aber strikt ablehnt (z.B. einen Theaterbesuch), lassen Sie es. Suchen Sie dann einen anderen passenderen Zugang zur Außenwelt (z.B. Schwimmhalle).

Passen Sie auf, dass es sich nicht ausschließlich virtuellen Phantasiewelten widmet. Versuchen Sie, es gezielt und wohldosiert abzulenken. Gleichen Sie eine Überreizung mit spielerischer Bewegung in der Natur aus. Vermeiden Sie zu viele Unternehmungen in der Freizeit, verpflichtende Kurse und Frühförderung. Für ältere hochsensible Kinder sind ostasiatische Sportarten (Judo, Karate usw.) angenehm, da hier nicht der Wettkampf im Mittelpunkt steht, sondern das Zentrieren der Energie.

Unterstützen Sie Ihr Kind bei der Suche nach einem guten Freund. Forschungen haben gezeigt, dass ein einziger guter Freund ausreicht, um Selbstwertgefühl und soziale Akzeptanz wiederherzustellen, vor allem, wenn die Beziehung „bestätigend und fürsorglich“ ist.

Da empfindsame Kinder zur erbarmungslosen Selbstkritik neigen und aufgrund ihrer „Andersheit“ sich oft falsch fühlen, ist es wichtig, dass Sie Ihrem Sprössling mehr Selbstachtung vermitteln. Elaine N. Aron (Psychotherapeutin) empfiehlt hier Folgendes:

Zeigen Sie Ihrem „Sensibelchen“, dass Sie es lieben, nur weil es auf der Welt ist und Ihre Liebe an keinerlei Bedingungen oder Erfolge geknüpft ist. Ihr Kind benötigt die Gewissheit, dass es Freunde gewinnen kann, interessante Dinge sagen und dadurch den Respekt anderer erlangen und auch in größeren Gruppen für eine Sache eintreten kann. Das beginnt in der Familie und sollte sich bald auf den engeren Freundeskreis ausdehnen. Mit Übung und Erfolg wird es mutiger. Finden Sie immer positive Worte für das, was es besonders gut kann: seine Beobachtungsgabe, Nachdenklichkeit, Empathie, Kreativität usw. Verbringen Sie Zeit mit Ihrem Kind. Nichts vermittelt die Botschaft „Ich mag dich“ zuverlässiger.

Reden Sie mit Ihrem Kind darüber, dass es hochsensibel ist. Früher oder später erfährt es, dass es sich von anderen Menschen unterscheidet. Vermitteln Sie ihm eine positive Sichtweise auf seine Eigenart. Machen Sie ihm klar, dass es damit nicht allein auf der Welt ist und diese Wesensart vererbt wurde. Suchen Sie nach Menschen, die Ihr Kind kennt und bewundert und die ebenfalls mutmaßlich hochsensibel sind. Das können Prominente sein oder aus der Familie bzw. dem Freundeskreis.

Fazit: Insgesamt besteht die elterliche Aufgabe darin, dafür zu sorgen, dass Ihr Kind seine Andersartigkeit akzeptiert und das Gefühl hat, dass auch Vater und Mutter damit klarkommen. Lassen Sie nicht zu, dass sich Ihr Kind regelmäßig unterschätzt und sich vom negativen Realismus, Selbstkritik und Scham zernagen lässt.

Mit Sensorischer Integrationstherapie (SI) empfindsamen Kindern helfen?

Die Ergotherapeutin Susanne Harder-Sdzuj aus Greifswald hat sich als Lehrtherapeutin für Sensorische Integrationstherapie viel damit auseinandergesetzt und behandelt in ihrer Praxis viele Kinder, die unter den Begriff ‚hochsensible Kinder’ (in der SI-Therapie nennt man sie ‚Kinder mit einer Modulationsstörung’) fallen. „Normalerweise nehmen wir 80 Prozent der Informationen um uns herum nicht bewusst wahr. Zum Beispiel: Welche Strümpfe hat mein Banknachbar an, ist der Boden uneben, wonach riecht es im Moment usw. Die meisten Informationen sind ja im Moment auch unwichtig. Deshalb besitzen wir normalerweise eine hohe Filterfähigkeit und nehmen nur das wahr, was wichtig für uns ist. Hochsensible sind schlechter in der Lage, die Informationen zu filtern und die Reaktionen darauf zu hemmen oder zu verstärken. Sie sind quasi immer im Alarmzustand, weil sie mit dieser riesigen Menge an Informationen überfordert sind. Wir nennen das Modulationsstörung oder, verständlicher ausgedrückt, Reizfilterstörung. Wir klären bei unseren Patienten als erstes ab, worauf sie übersensibel reagieren und was ihnen gut tut.

Ein wesentlicher Teil der Therapie besteht darin, dass die Eltern die besondere Wahrnehmungsverarbeitung ihrer Kinder verstehen und man gemeinsam überlegt, wie das Umfeld so gestaltet werden kann, dass die Kinder sich darin wohl und geborgen fühlen können.

 

Autorin:
Carola Bänder
Familienmagazin „Landknirpse“

 

Buchtipp
Das hochsensible Kind
Wie Sie auf die besonderen Schwächen und Bedürfnisse Ihres Kindes eingehen

Elaine N. Aron – die Koryphäe, wenn es um Hochsensibilität geht – gibt in diesem Standardwerk Eltern Hilfestellungen, wie sie die Hochsensibilität ihres Kindes erkennen und es seiner besonderen Empfindsamkeit gemäß fördern und begleiten können.
mvgverlag, ISBN: 978-3-63606-356-4, Euro 19,90