Frühgeburten

Leider haben es machen Kinder sehr eilig das „Licht der Welt zu erblicken“. Ein (früher) Start ins Leben benötigt aber vielfältige Unterstützung.

Die Geburt eines Kindes ist für die Familie verknüpft mit großer Neugier und Freude auf das neue Leben. Der Termin für die Geburt kann direkt nach Feststellung der Schwangerschaft errechnet werden und die werdenden Eltern wissen, dass es zu Verschiebungen um ein bis zwei, manchmal auch drei Wochen kommen kann. Sie beginnen sich darauf vorzubereiten, einen Namen auszusuchen, den Platz für die Wickelkommode zu schaffen und sich eventuell den einen oder anderen Strampelanzug zurecht zu legen. Wenn das Kind sich aber sehr viel früher auf den Weg begibt, gerät so mancher Plan ins Wanken. Die Ursachen einer Frühgeburt lassen sich oft nicht ganz klären. Häufig spielen Infektionen, Bluthochdruck oder Schwangerschaftsdiabetes eine Rolle.
Während eine reguläre Schwangerschaft 37 bis 40 Wochen dauert, kann in Deutschland Kindern bei einer zu frühen Geburt bereits ab 23 Schwangerschaftswochen geholfen werden. Zum Termin geborene Neugeborene kommen mit einem Durchschnittsgewicht von 3500 Gramm auf die Welt. Extrem leichte Frühgeborene sind mit manchmal nur 250 Gramm Startgewicht vor extreme Herausforderungen gestellt. Häufig ist viel intensivmedizinische Unterstützung erforderlich, die auf den ersten Blick besonders abschreckend wirken kann mit all ihren Geräten und Geräuschen auf einer Intensivstation. Besucht man jedoch so eine Station für Frühgeborene im Klinikum sieht man aber auch frischgebackene Eltern mit ihren Kindern kuscheln, Geschichten vorlesen, Windeln wechseln und vorsichtig ein wenig Nahrung anbieten.
Die Eltern sind wesentlicher Teil des Behandlungskonzeptes, denn nicht nur die hochtechnisierte Intensivmedizin, sondern auch Geborgenheit und Pflege durch die Eltern gehören dazu. Eine ganz besondere, auch international angewendete Methode, die das Wachsen und Gedeihen fördert, ist das sogenannte Kanguruhen. Es ermöglicht Eltern und Kind einen Kontakt, indem das Baby mehrmals die Woche behutsam aus dem Brutkasten gehoben und eine Weile Haut-zu-Haut auf den Brustkorb der Eltern oder Geschwister gelegt wird. Ganz nebenbei wird somit beispielsweise über die beruhigende Vibration der Stimme des Vaters und den bekannten Herzschlag und Geruch der Mutter die Entwicklung des Kindes gefördert. Einen immer höheren Stellenwert gewinnt nach aktuellem Forschungsstand die Muttermilch, die aufgrund der wichtigen Inhaltsstoffe einen extrem hohen Einfluss auf den kleinen Organismus besitzt. Doch allein das Atmen fordert das Frühgeborene so sehr heraus, als ob es ungeübt für einen Langstreckenlauf aufgebrochen sei. Dabei dann auch noch an der Brust zu trinken, wie es für ein reifgeborenes Baby intuitiv und normal wäre, ist ein solch hochkomplexer Vorgang, den das kleine Wesen erst noch viele Wochen erlernen muss. So kommt es, dass die Mamas täglich ein paar Tropfen der wertvollen Milch auf der Station vorbeibringen und man beobachten kann, wie es allein durch das Bestreichen der Lippen dem Kind zur Beruhigung dient. Unterstützt werden die Mütter, wenn sie es möchten, durch sorgsam ausgewählte Spenderinnen, die nach hohen Qualitätsanforderungen ihre Muttermilch mit zur Verfügung stellen.
Neben der ganzheitlichen Unterstützung von unterschiedlichen Seiten des Teams aus Eltern, Kinderärzten, Kinderintensivpflegekräften, Hebammen, Physio-, Psychotherapeuten und vielen anderen staunt man nicht selten über den eigenen Kampfgeist und Aktivitätsgrad der Kleinen. Ähnlich wie mit der Nabelschnur im Mutterleib spielt das Kind so manches Mal mit den vielen Kabeln und Schläuchen und ab und zu sieht man die klitzekleinen Hände und Füße kräftig strampeln. In diesen ersten Wochen nach dem zu frühen Start ins Leben entwickeln sich Lunge, Gehirn und all die anderen wichtigen Organe ähnlich wie im Mutterleib weiter und die Kleinen öffnen erstmals ihre Augen. Ein erhebender Moment für viele Eltern, die sich danach sehnen, die Kinder nach vielen Monaten zum eigentlich errechneten Geburtstermin deutlich gewachsen und gereift endlich mit nach Hause zu nehmen.

Autorin: Dr. med. Pia Paul
Kinderärztin mit Schwerpunkt auf Frühgeborene. In Deutschland werden ca. 66.000 Kinder zu früh geboren. Das bedeutet, dass bei fast jeder 10. Geburt ein fachübergreifendes Expertenteam für den sicheren Ablauf gefragt ist. Am Universitätsklinikum S-H in Lübeck ist man darauf spezialisiert, diese Kinder an der Grenze der Lebensfähigkeit adäquat zu versorgen.