Familienmitglied Smartphone – die moderne Familie

Leg endlich das Handy weg!“ „Ja, gleich, nur noch zehn Minuten…“ Übermäßiger Handykonsum und das ständige Daddeln an dem Ding wird zum Dauerbrenner in allen Familien. Bei den Kleineren wird täglich um die gleichen Fragen „Wann“ und „Wie lange darf ich Fifa oder Minecraft spielen?“ diskutiert. Bei den größeren Kindern verdirbt das ständige Pling oder Vibrieren von WhatsApp-Nachrichten, Facebook, Instagram und Co. die Stimmung in der Familie.

Zum Leidensdruck gibt es inzwischen genug Zahlen:

Jugendliche ab 14 Jahren verbringen täglich über 9 Stunden mit digitalen Medien. Der Fernseher spielt dabei mit ca. 200 Minuten eine immer geringere Rolle dank YouTube, Netflix, Maxdome, Amazon Prime und Spotify. 5 Prozent aller 12- bis 17-Jährigen gelten bereits als internetsüchtig. All diese Daten liefern uns die Suchtbeauftragte der Deutschen Bundesregierung, der Branchenverband Bitkom und die jährliche JIM-Studie (Jugend, Information, Multi-Media) und die Blikk-Studie zur Mediennutzung. Blikk ist eine vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte deutschlandweit durchgeführte Umfrage und steht für Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz, Kompetenz und Kommunikation. Darin warnen Kinderärzte und Krankenkassen vor den gesundheitlichen Folgen. Besonders besorgniserregend ist aus ärztlicher Sicht die Belastung durch die elektromagnetische Strahlung der WLAN-Frequenz. WLAN-Netzwerke sind in 95 Prozent aller Haushalte die Regel.

Schulische Leistungen leiden unter übermäßigem Handykonsum

54 Prozent der 8- bis 17-Jährigen geben zu, dass ihre schulischen Leistungen wegen ihres Handykonsums leiden. Gehirnforscher belegen, dass bei Kindern und Jugendlichen, die täglich mehr als eine Stunde digitale Medien nutzen, die Lern- und Gedächtnisleistung und Konzentrationsfähigkeit drastisch vermindert wird. Informationen überlagern sich völlig ungefiltert und wichtiger Schulstoff wird nicht in das Langzeitgedächtnis überführt. Stundenlanger Medienkonsum hemmt die Ausbildung der Exekutivfunktion, die Fähigkeit, Ziele konsequent zu verfolgen und Regeln zu verstehen, erklärt der Neurowissenschaftler Dieter F. Braus.

Gesundheitliche Folgen von übermäßigem Handykonsum

Sie zeigen zunehmend motorische Hyperaktivität, Ängste und Gewaltbereitschaft, Bewegungsmangel und Übergewicht. Grund dafür ist, dass sie mehr süße Getränke und Süßigkeiten konsumieren und Haltungsschäden und Kopfschmerzen gefördert werden. Die Gefahr der Isolation wächst, denn auch soziale Fertigkeiten und das richtige soziale Handeln wollen gelernt sein. Aber je mehr Medien genutzt werden, desto geringer ist die Teilnahme an Gemeinschaftsaktivitäten in Vereinen und Gruppen oder freiwilligen Aktivitäten der Schule. Und ich werde nicht müde zu betonen: Bewegung ist das Tor zum Lernen. Eine der häufigsten Folgen von übermäßigem Handykonsum sind Schlafstörungen und Schlafmangel, besonders durch die Nutzung am Abend. Jetzt kann man erahnen, warum diese Kinder morgens müde sind und den Erklärungen ihrer Lehrer, die länger dauern als ein TV-Werbespot, nicht mehr folgen können.

Störungen bei der Sprachentwicklung

Vor allem Jüngere, die intensiv digitale Medien nutzen, haben häufiger Störungen bei der Sprachentwicklung. Sprachlaute, die man als Kind nicht wahrgenommen hat, können später nicht unterschieden werden, dies wies eine neuseeländische Langzeitstudie nach. Wenn ein Elternteil täglich vorliest, ergibt sich hingegen ein positiver Effekt auf die Sprachentwicklung und somit auf die spätere Rechtschreibung. Das Deutsche Jugendinstitut bestätigt, dass 70 Prozent der Kinder im Kindergarten-Alter das Smartphone ihrer Eltern täglich nutzen, bei den 2-Jährigen sind es 26 Prozent, bei den 1-Jährigen 11 Prozent.

Den Umgang mit digitalen Medien frühzeitig lernen

Aber das Traurige an dieser Entwicklung ist, dass nicht die Kinder daran schuld sind, sondern wir Erwachsene. Wir setzen die Kinder vor die Bildschirme und stellen sie damit ruhig. 70 Prozent der 2- bis 5-Jährigen können sich weniger als zwei Stunden ohne die Nutzung von digitalen Medien selbständig beschäftigen. Die Schlussfolgerung der Forscher: Erlernen Kinder nicht frühzeitig Medienkompetenz, haben sie ein höheres Risiko, ihren Umgang mit digitalen Medien später nicht kontrollieren zu können.

Warum sind digitale Fürsorge und konsequente Vereinbarungen so wichtig?

Natürlich heißt es immer: „Der richtige Umgang mit den digitalen Medien, die einen hohen Stellenwert in Beruf und Gesellschaft eingenommen haben, sollte frühzeitig geübt werden.“ Oder: „Ich will es meinen Kindern nicht verbieten, sie sollen lernen damit eigenverantwortlich umzugehen.“ Doch als Lerntherapeutin kann ich Ihnen eines sagen: „Um gegen Silicon Valley zu widerstehen, brauchen Ihre Kinder übermenschliche Kräfte. Meine beiden Jungs haben die bisher nicht aufbringen können. Sie wollen überall dabei sein und nichts verpassen. Ich frag mich immer, wen interessiert bloß, was meine Söhne essen und ständig ist der Handy-Speicher voll. Doch da kommen schon wieder die Likes und Followers. Programmentwickler und Softwaredesigner sind nicht umsonst hochbezahlte Berufe. Sozialpsychologen nennen dieses Phänomen der neuen Gesellschaft FOMO, Fear Of Missing Out, die Furcht etwas zu verpassen.

Die Vorteile von digitalen Medien

Aber natürlich gibt es auch tolle Lernprogramme, Vokabelsoftware, didaktisch gut aufbereitete Spiele, bei denen Kinder die Konzentration und Intelligenz schulen können. Aber die fördern nicht den Dopamin-Ausstoß wie Spiele und Bilder. Tief im Gehirn sitzt eine Ansammlung von Nervenzellen, die für Glücksgefühle zuständig sind. Diese Zellen werden aktiviert, wenn etwas unerwartetes Positives geschieht. Alle süchtig machenden Stoffe: Kokain, Heroin, Alkohol, Nikotin und Süßigkeiten sprechen dieses Zentrum an. Sucht entsteht im Gehirn als ein fehlgesteuertes Belohnungssystem. Seit 16 Jahren wissen wir, dass dieses Zentrum auch durch digitale Medien angesprochen wird.

Geregelte Medienkompetenz und Konsumbeschränkung

Es geht nicht um ein generelles Verbot in Sachen Handykonsum, sondern um eine geregelte Medienkompetenz und Konsumbeschränkung. Auch hier gilt: Die Dosis macht das Gift. Entdecken Sie gemeinsam mit Ihren Kindern die digitalen Geräte und Welten, um den bewussten Umgang damit zu erlernen und die Informationsflut einordnen zu können. Treffen sie Vereinbarungen, klare Regeln, am besten schriftlich, wann und wie lange gedaddelt werden darf: eine halbe Stunde Medien für eine Stunde Bewegung oder das Lesen eines Buches, keine zwei Medien gleichzeitig, kein Handy beim Essen, kein Handy vor dem Einschlafen. Nutzen Sie die Möglichkeiten der technischen Medieneinschränkung an allen Geräten: Setzen Sie mit einer Kindersicherung Zeitlimits und sperren Sie unerwünschte Seiten oder Programme. Eine Mannheimer Studie diagnostiziert „Kontrollverlust, Machtlosigkeit und Überforderung“ auf Seiten der Eltern. Beweisen Sie das Gegenteil.

Was können Eltern daraus lernen?

Sicherlich wäre einiges auch leichter, wenn wir Erwachsenen bessere Vorbilder wären. Auch wir verbringen einen Großteil unserer Arbeitszeit vor einem Bildschirm, shoppen online und benutzen WhatsApp. 1/3 der Kinder leben in einem Haushalt, in dem die Eltern den Fernseher die meiste Zeit des Tages laufen lassen, egal, ob jemand fernsieht. Hinterfragen Sie einmal kritisch Ihr eigenen Handykonsum, wie häufig Sie selbst aufs Handy schauen und wann Sie es bewusst beiseitelegen. Überlegen Sie, das Smartphone in Momenten, die Sie mit Ihrem Kind verbringen, auch mal wegzulassen. Was gibt es Schöneres als den eigenen Kindern beim Spielen zuzuschauen, erste Worte wahrzunehmen oder erste Schritte mitzubekommen? Berühren Sie Ihr Smartphone häufiger als Ihr Kind, dann fühlen sich Kinder vernachlässigt und bringen es in Therapiesitzungen so zum Ausdruck: „Hätte meine Mutter mich nur einmal so lieb wie ihr Handy“.

Gönnen Sie sich und Ihrer Familie Offline-Zeiten!

Gerade am Anfang läuft Kommunikation über Blickkontakt und geteilte Aufmerksamkeit. Wenn Eltern aber ständig mit ihrem Smartphone beschäftigt sind, verpassen sie wichtige Gelegenheiten, das mitzuerleben, was ihr Kind gerade beobachtet und lernt. Genießen Sie den kurzen Moment ohne ihn gleich zu posten. Nutzt die Mutter, während sie ihren Säugling betreut, parallel digitale Medien, hat das Kind eher Fütter- und Einschlafstörungen. Eine neuseeländische Studie zeigte, dass mit jeder Stunde Medien-Nutzung die Elternbindung um 13 Prozent sinkt. Gönnen Sie sich und Ihrer Familie Offline-Zeiten. Schenken Sie sich gemeinsame Unternehmungen oder Spieleabende, einfach Zeit und Aufmerksamkeit, die als Erinnerung in Ihren Köpfen und Herzen bleiben.

 

Autorin
Claudia Boeden

Lerntherapeutin, Lehrerin,
Mutter von zwei Söhnen
TalentEntwicklung
Institut für Lernerfolge
23669 Timmendorfer Strand
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