Ein Herz für Kinder?!

Wer hätte Mitte März gedacht, dass die Schulen und Kindergärten so lange geschlossen bleiben und die Betreuung und Beschulung zu Hause erfolgen müssen. Es war eine harte Zeit für die Kinder und natürlich auch die Eltern. Natürlich war für jeden die Situation neu und genauso wie für das gesamte Pandemiegeschehen, gab es auch dafür kein Drehbuch. Von Seiten der Politik wurde einfach vorausgesetzt, dass die Eltern das schon irgendwie schaffen werden. Haben sie ja auch. Aber wer in den letzten Monaten hatte wirklich einen Blick auf unsere Kinder und Jugendlichen? Man hatte den Eindruck, dass die Politik denkt, da brauchen wir uns nicht drum zu kümmern. Natürlich wurden die Kinder versorgt und bestimmt gab es Familien, die diese Situation sogar genossen haben. Aber was ist in den Familien los gewesen, die wirklich zwei, drei Monate in ihren kleinen Wohnungen ohne Balkon verbringen mussten? Da wo das Geld schon vorher knapp war und dann auf einmal wegen Kurzarbeit nur noch 60 Prozent des Einkommens zur Verfügung stand, der Minijob des Partners war auch auf einmal weg. 

Unabhängig davon hat diese Zeit ja etwas mit unseren Kindern gemacht. Sie durften nicht mit ihren Freunden spielen, auch der Besuch bei den Großeltern fiel aus, Sportvereine hatte zu und Schwimmen gehen und Spielplatz ging auch nicht. Kinder waren teilweise isoliert und hatten keine Kontakte zu Gleichaltrigen. Hat da mal jemand gefragt, wie es ihnen damit geht, was für Folgen das haben kann? Sehr selten fiel das Wort „Kinder“ in den öffentlichen Diskussionen, außer wenn es darum ging, ob Kinder „Virenschleudern“ sind. Das weiß man bis heute noch nicht genau.

Seit ein paar Tagen sind die Ferien vorbei und die Schule hat wieder begonnen. Der Kita-Betrieb läuft schon seit Längerem und zum Glück musste noch keiner wieder schließen. Bis jetzt ist da zumindest alles gut gegangen. Wie es in den Schulen funktionieren wird, werden wir in den nächsten Wochen sehen. 

Unsere Kultusministerin Frau Prien schrieb in dem Elternbrief, den alle Eltern mit einem Schulkind zugeschickt bekamen, dass man in den „Corona-Regelbetrieb“ startet. Es soll so viel Präsenzunterricht wie möglich stattfinden. Der Unterricht wird wieder nach den Stundentafeln und Fachanforderungen abgehalten, aber unter Pandemiebedingungen. Die Schüler sollen auch innerhalb der Schule nur Kontakt zu bestimmten Mitschülern haben, weshalb diese in bestimmte Gruppen eingeteilt werden, in denen dann die Abstandsregeln aufgehoben sind. Diese Gruppen nennt man Kohorten. Damit hofft man, dass falls eine Corona-Infektion oder ein Verdachtsfall auftritt, nur die Kohorte davon betroffen ist und nicht die ganze Schule geschlossen werden muss. 

Aber was ist, wenn wirklich ein Infektionsgeschehen in einer Schule vorkommt und zumindest ein Teil nach Hause zum Homeschooling geschickt wird. Ist man darauf mittlerweile vorbereitet? Gibt es ein Konzept, das digitales Lernen zu Hause wirklich für jeden möglich macht? OK, Lübeck schafft 2.700 Laptops und Tablets an, damit Schüler von Zuhause arbeiten können. Bis Ende Oktober sollen die Geräte an den Schulen verteilt sein und Einweisungen stattgefunden haben. Aber Endgeräte sind auch nur ein Teil der Lösung. Sowohl in vielen Schulen als auch in den Familien gibt es oft kein schnelles Internet. Aber das sind ja nur die technischen Voraussetzungen. Es müssen auch die entsprechenden digitalen Lösungen angeboten werden, damit digitales Lernen vernünftig umgesetzt werden kann. Das Thema ist nicht neu und schon seit Langem liegen diverse Positionspapiere in den Schubladen, die aber nicht wirklich zur Umsetzung kamen. Wichtig ist, dass den Lehrkräften und Schülern ein vernünftiges Lernmanagementsystem (LMS) zur Verfügung gestellt wird, das eine datenschutzkonforme Kommunikation und Kooperation aller Beteiligen ermöglicht. Die Landesregierung will dafür die cloudbasierte LMS itslerning zur Verfügung stellen: Lehrkräfte können damit unter anderem Unterrichtsmaterial bereitstellen und Aufgaben erteilen sowie Rückmeldungen zu den Ergebnissen geben, die Schülerinnen und Schüler können gemeinsam an Projekten arbeiten und untereinander kommunizieren, mobiles Lernen wird über eine App ermöglicht und auch die Eltern können einbezogen werden in die Kommunikation der Schule.

Eine Digitalisierung der Schule war auch schon ohne Corona wichtig, in dieser Zeit ist sie aber unerlässlich. Nur damit kann gewährleistet werden, dass Schüler auch von zu Hause gut lernen können und nicht die Eltern die Aufgabe der Lehrer übernehmen müssen. Das Ganze geht natürlich in den höheren Klassen besser als in den Grundschulen. 

Priorität muss allerdings sein, dass die Schulen geöffnet bleiben und die Schüler vor Ort unterrichtet werden. Lobbyisten standen Schlange bei der Bundesregierung, um für ihre Branchen das Beste herauszuholen. Warum sind uns unsere Kinder, unsere Zukunft nicht mehr Wert? In der Vergangenheit wurde in die Bildung zu wenig investiert. Veraltete Schulen, zu wenig Lehrkräfte – das alles fällt uns jetzt vor die Füße. Was passiert im Herbst und Winter, wenn die Fenster nicht mehr offen bleiben können? Hat schon einmal jemand über Luftreinigungssysteme in Schulen nachgedacht, wie sie z.B. bei Tönnies installiert wurden? Für die Bildung unserer Kinder und ihre Gesundheit sollte uns nichts zu teuer sein.