Zu Gast bei der Heilpädagogischen Frühförderung

Diese Begrifflichkeit verbinden wir oft mit zu früh geborenen Kindern oder denen mit schwerwiegenden Erkrankungen, Einschränkungen im Alltag oder sonstigen auffälligen Störungsbildern. Bei Familie Peters*, die wir zu Hause bei der Frühförderung begleiten durften, zeigte sich ein ganz anderes Bild, als die ersten Probleme bei Anni* (6 Jahre) auftraten.

Im Kindergarten war sie (damals 4 Jahre) unauffällig, still, spielte fast nur für sich allein. Es gab seitens der Erzieher nicht viel dazu zu sagen, es sei doch alles soweit gut. Erst zu Hause, nach dem Kindergarten wendete sich täglich das Blatt: Wutausbrüche, viel Geschrei, ewige Diskussionen. Anni konnte sich an nichts halten, Hauptsache dagegen – gegen ihre Mutter, ihren Vater und leider auch gegen sich selbst. Frau Peters war verzweifelt! Der Rat von Freunden und der Familie fand leider auch keinen Lösungsweg. Schließlich wand sie sich dann an einen Psychologen, um zu schauen, ob es gar an ihr liegen könne. „Habe ich als Mutter versagt“? eine Frage, die sie sich in dieser Zeit oft gestellt hat! Anni war ja gesund, nur halt manchmal anders als andere Kinder. Der Psychologe empfahl ihr dann ziemlich schnell den Schritt zur heilpädagogischen Frühförderung. Die Adresse der Vorwerker Diakonie fand  sie dann im Internet. Zeitnah wurde ein Termin vereinbart und schon im Gespräch mit der Leiterin Frau Mechthild Egger der Bedarf deutlich, einen Antrag auszufüllen, worüber sie heute noch sehr dankbar ist!

Heilpädagogische Frühförderung bietet den Kindern und auch ihren Eltern in ihrem häuslichen Umfeld eine fachliche, aktive und besonders wertvolle Begleitung und Unterstützung in dem doch so wichtigen Alltag von Kind und Eltern und alleinerziehenden Müttern/Vätern.

Wann hole ich mir als Eltern/-teil Rat beziehungsweise Hilfe von der heilpädagogischen Frühförderung? Ist ihr Kind zu früh geboren, gibt es gesundheitliche Probleme, Einschränkungen, Verzögerungen in der Entwicklung (wenn wir von Entwicklung des Kindes sprechen, meinen wir die Entwicklung der Sprache, der Wahrnehmung, des Spielverhaltens, der Kognition, Fein- und Grobmotorik und sozial- emotionales Verhalten), bekannte oder unerkannte Störungsbilder, unerklärliches Verhalten (zurückgezogen oder aufbrausend), Migrationshintergrund oder gar Probleme in der ganzen Familie (soziale Auffälligkeiten)? Meist gibt es einen Vorlauf/Empfehlung durch den Kinderarzt oder Psychologen, selten kommen Eltern direkt.

Wenn man sich für eine Frühförderstelle entschieden hat und Kontakt aufnimmt, folgt zunächst ein Erstgespräch. In diesem wird möglichst auf das gesamt Bild geschaut: die Besonderheiten des Kindes, die Eltern-Kind-Beziehung/Bindung, Strukturen im Alltag, Problemfelder erklärt. Mit diesem ersten Gespräch und einem gemeinsamen Ausfüllen eines Antrages auf Frühförderung setzt sich die Grundlage für die passende heilpädagogisch ausgebildete Fachkraft zusammen. Der Antrag wird gestellt und nach der Begutachtung durch die Kinderärzte des Gesundheitsamtes erfolgt über die Eingliederungshilfe ein Bescheid. Fällt dieser positiv aus, wird entschieden, welcher Mitarbeiter die Frühförderung für das Kind übernimmt. Das Team der Frühförderung der Vorwerker Diakonie besteht aus mehreren Mitarbeitern, die sich unterschiedlichen Schwerpunkten/Befindlichkeiten gewidmet haben. Es ist wichtig, dass die Familie und besonders das Kind mit der Frühförderin harmonieren. Schließlich taucht diese in das Privatleben der Familien ein, da gehört Vertrauen an oberste Stelle! Sie verbringt eine sehr lange und intensive Zeit mit der Familie, um in deren Alltag und dem des Kindes eine Verbesserung zu erzielen, was von beiden Seiten eine Bereitschaft erfordert, sich einlassen zu können.

Die Häufigkeit der Förderung unter der Woche gestaltet sich sehr unterschiedlich und variabel von einer bis zu drei Stunden. In der Regel werden ein bis zwei, in Ausnahmefällen drei Stunden in der Woche bewilligt. Es gibt verschiedene Modelle und Stundenaufteilungen, je nach dem wo gerade der Schwerpunkt liegt (zum Beispiel Schwierigkeiten im häuslichen Umfeld oder in der KiTa). In einigen Kindergärten wird auch Frühförderung vor Ort angeboten. Diese kann auch in Anspruch genommen werden, das müssen/können die Eltern frei für sich entscheiden. Für manche Kinder mag der vertraute Rahmen in ihrem Zuhause die Förderung begünstigen.

Der Antrag zur Frühförderung wird bei der Hansestadt Lübeck, Bereich soziale Sicherung – Eingliederungshilfe, eingereicht, dabei unterstützen die Frühförderstellen die Eltern. Die heilpädagogische Frühförderung ist keine Kassenleistung, die jeweilige Stadt übernimmt die Kosten. Das Antragsverfahren kann zwischen 6-­‐8 Wochen dauern und eine nochmalige persönliche Vorstellung der Familie beim Gesundheits­amt durchaus erfordern. In der Regel werden alle Anträge bewilligt und die Zahl dieser ist zunehmend. Die Frühförderung kann bereits im Säuglingsalter bis hin zum 6. Lebensjahr beansprucht und bei Bedarf bis zum Schuleintritt verlängert werden. Bewilligt wird in der Regel ein ganzes Jahr. Ergänzend können Ergotherapeuten und Logopäden an dieser wertvollen Arbeit mitwirken.

Ist die Bewilligung erfolgt, beginnt die Arbeit der heilpädagogischen, ausgesuchten Fachkraft für diese Familie. Dabei geht es beim ersten Treffen natürlich vorrangig um das Kind. Im gemeinsamen Spiel können unterschiedliche Entwicklungsbereiche beobachtet werden, eine Einschätzung getroffen und die richtigen Förderangebote gefunden werden. Durch das Spielen taucht man in „dessen Welt“ ein und begibt sich auf seine kindliche Ebene. Diese macht es einem leichter, an das Kind und die Ursachen zu kommen, zu filtern wo man steht und wo man gemeinsam hinkommen kann. Dabei ist die Heilpädagogin natürlich nach wie vor eine Außenstehende, aber in der Regel gelingt ihr über das Spielen, sich eng mit den Kindern zu verknüpfen.

Das klappte auch bei Anni sehr gut. Sie ließ die Heilpädagogin an sich heran und nahm im Rollenspiel Kontakt zu ihr auf, indem sie in verschiedene Tierrollen schlüpfte. Zusätzlich wurde Anni durch sie in den Kindergarten begleitet, da ja in diesem Fall die Problematik zwischen den verschiedenen Gefühlswelten Kindergarten und zu Hause klar werden musste. Aber auch mit Frau Peters gab es Gespräche über die Tagesstruktur, Abläufe usw. Relativ schnell fand sich auch die Ursache. Anni zeigte autistische Züge, die ihr das Zusammensein im Kindergarten mit anderen Kindern schwer machten und erst das häusliche Umfeld die Sicherheit, das sichere Ablassventil boten. Nicht ausreichende Strukturen forderten ihre „Kleine Welt“ ständig neu heraus! Dank der Heilpädagogin Felicia Scherk-Weber, die mit ihrer Arbeit den Eltern geholfen hat, Anni zu erkennen und in nicht mal einem halben Jahr – zur Erleichterung aller – Lösungen erbracht hat, die trotz der Diagnose Autismus ein gemeinsames Leben für alle glücklicher werden ließen.

Die Heilpädagogin betont, dass die wichtige Zusammenarbeit zwischen Eltern, Frühförderung und dem Kind das Rezept ist! Aber auch die Arbeit mit Ärzten, Kindergarten, Frühförderung und der Familie ist wichtig. Nur wenn alle verknüpft sind und sich auf den Stand der Veränderungen halten, kann es Erfolge geben. Ein Kinderarzt kann ein guter erster Ansprechpartner sein, um Unwohlsein zu äußern. Es ist nicht immer nur der Infekt, der belastet – dagegen gibt es tatsächlich Medizin. In dem Fall von Familie Peters gab es ja ein Störungsbild, welches Auswirkungen auf den Familienalltag hatte. Aber auch schon kleinste Veränderungen wie Trennungen, Probleme der Eltern, zu früher Start ins Leben oder gesundheitliche Einschränkungen können zu Entwicklungsverzögerungen oder einem besonderem Verhalten der Kinder führen, die im Kinderalltag nicht kompatibel sind und dringend den Bedarf einer Unterstützung erfordern.

*Name wurde von der Redaktion geändert

 

Adressen

  • Vorwerker Diakonie, Trifftsr. 139-143, 23554 Lübeck, Frau Egger, Tel.: 01520-9092079
  • Kinderwege, Weidenweg 5, 23562 Lübeck, Tel.: 8997780
  • Marli Frühförderung, Sophienstr. 19, 23560 Lübeck; Tel.: 6203240
  • Lebenshilfe Ostholstein, Am Petroleumhafen 2, 23611 Bad Schwartau, Tel.: 47986971
  • Sternberg Seminare, Ratzeburger Allee 14b, 23564 Lübeck, Tel.: 14032757
  • Frau Sartori, Roonstr. 22, 23566 Lübeck, Tel.: 6072434
  • Frühförderung Lübeck, Andersenring 21, 23560 Lübeck,  Tel.: 4793083