Schulkind-Betreuung in Lübeck

Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das geht nur, wenn die Kinder in der Zeit, in der Mann/Frau arbeiten geht, gut betreut werden. Wie sieht das hier in unserer Stadt aus? Wir haben das Lübecker Modell „Ganztag an Schule“ unter die Lupe genommen und uns an einer Schule umgesehen.

Während der KiTa-Zeit ist dies meist gewährleistet, da sich die Einrichtungen mittlerweile darauf eingerichtet haben, dass beide Eltern arbeiten und mindestens eine Betreuung von acht Stunden anbieten. Spätestens, wenn die KiTa-Zeit vorbei ist, stehen die Eltern wieder vor der Problematik, eine vernünftige Betreuung für ihre Kinder zu finden. Früher waren hierfür die Horts zuständig. Doch diese Plätze waren schon immer begrenzt, so dass bereits vor 20 Jahren die ersten Elterninitiativen gegründet wurden, um eine Kinderbetreuung vor und nach der Schule zu ermöglichen.
Ein Platz in einer Schulkindbetreuung, sei es in der Schule, Hort oder anderswo ist nach wie vor in Deutschland nicht gesetzlich verankert. Anders als bei Vorschulkindern besteht kein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Schüler. Die Hansestadt Lübeck hat jedoch bereits vor mehr als zehn Jahren erste Schritte unternommen, um die Angebote qualitativ zu verbessern. So wurde das Modellprojekt „Schule als Lebens- und Lernort“ ins Leben gerufen. Zuerst wurden an der Grundschule Eichholz die vorhandenen Betreuungsangebote wie Betreute Grundschule, Hort, Angebote der offenen Ganztagsschule, Jugendarbeit und erzieherische Hilfen gebündelt. Aufgrund der guten Erfolge wurde dieses Betreuungsmodell weiter ausgebaut, wobei die enge Verzahnung zwischen Schulvor- und Nachmittag als Kernstück des pädagogischen Konzeptes zu sehen ist. Im Jahr 2014 wurde deshalb das Konzept „Ganztag an Schule“ auf den Weg gebracht, mit dem Ziel, flächendeckend in Lübeck allen Kindern in allen Stadtteilen eine qualitativ hohe Betreuung zu ermöglichen. Es wurden fachliche Standards für die Betreuung entwickelt, die sich gegenüber der Betreuten Grundschule deutlich verbessert haben.
Seit 2016 wird dieses Konzept nun peu á peu an allen Grundschulstandorten umgesetzt. Im vergangenem Schuljahr nahmen 4.050 Schüler an der Ganztagsbetreuung in der Schule teil, 108 Schulkinder besuchten einen Hort. Die Schulkindbetreuung an Grundschulen werden von 29 freien Trägern der Jugendhilfe, 5 Elternvereinen, 2 Schulvereinen und 1 Mitarbeiterverein unterhalten. Um ein verlässliches Angebot für alle Schüler zu gewährleisten, wurden fachliche Qualitätsstandards für Betreuung und Förderung und einheitliche Rahmenbedingungen geschaffen. Dazu zählt u.a. auch, dass die Betreuung in allen Schulen das gleiche kostet.
Im Betreuungsangebot arbeiten hauptsächlich pädagogische Fachkräfte wie Sozialpädagoginnen, Erzieherinnen und sozial pädagogische Assistentinnen. Dazu kommen Fachkräfte für Schulkindbetreuung, sozial erfahrene Personen und Honorarkräfte. Unterstützung kommt auch von Bundesfreiwilligen Dienstlern. Offiziell gibt es einen Betreuungsschlüssel von 20:1, doch rechnet man alle Personen, die an der Betreuung beteiligt sind dazu, kommt im Schnitt eine Betreuungsperson auf 7 Kinder. An bis jetzt 14 Standorten gibt es zudem das Modul „Ganztag plus“. Für eine Gruppe von maximal 10 Kindern mit erhöhtem Förderbedarf gibt es zusätzliches Personal, so dass hier ein Betreuungsschlüssel von 15:2 erzielt wird. Die Hansestadt Lübeck gibt jedes Jahr rund € 4 Mio. für die Schulkindbetreuung aus. Im Haushalt 2019 wurden außerdem € 480.000 für die Umgestaltung und die Raumausstattung für rund 60 Räume beschlossen. Zusätzlich ist an sechs Grundschul-Standorten der Ausbau weiterer Gruppenräume in Planung.

Ganztag an der Schule Grönauer Baum

Wie ist ein Nachmittag in der Schulkindbetreuung organisiert? Was ist bei Ganztag an Schule möglich? Wir wollten uns gerne einen Eindruck verschaffen, und haben die Lübecker Grundschule Grönauer Baum im Reetweg 5-7 besucht. Die Integrative Betreute Grundschule (IBGS) Grönauer Baum e.V. wurde 1998 gegründet. Seit 2006 ist der Verein Träger des Offenen Ganztags und seit 2014 kooperierender Partner im Bildungshaus Grönauer Baum. Alle 155 Kinder der Schulbetreuung (Regel-, Integrations- und DAZ-Kinder) sind eine gemeinsame offene Gruppe. Während für die 1. + 2. Klassen noch ein enges Betreuungssystem besteht (gemeinsames Mittagessen und Hausaufgaben), kommen die Schüler der 3. + 4. Klassen schon selbständig zur Anmeldestation und lassen sich in die Anmeldeliste eintragen. Anhand von Anmeldetafeln hängen sie ihr Holz-Namensschild an einen der Raumangebote (‘Interessenräume‘) z.B. Bauraum, Draußen, Projekt, Theater. Die Kinder lernen, sich selbst zu organisieren und sowohl sie als auch Betreuer haben einen guten Überblick, wer sich wo aufhält.

Mitbestimmung wird groß geschrieben

Ein wichtiger Aspekt ist die Mitbestimmung der Kinder bei der Essenswahl. So wird der Wochenplan in einer Klasse ausgeteilt und demokratisch abgestimmt. Das geschieht im wöchentlichen Klassenwechsel. Ein bereits bestehender Newsletter soll zukünftig auch mit Kinderbeteiligung eingeführt werden. Das Mitarbeiterteam setzt sich aus 13 pädagogischen Fachkräften zusammen. Hinzu kommen eine Küchenkraft und zwei FSJ-ler, Honorarkräfte und Ehrenamtler. Das ergibt hier einen Betreuungsschlüssel beim päd. Personal von 12:1. Jeder Mitarbeiter bringt seine Stärken und Kompetenzen mit ein und bietet den Kindern z.B. in Form von wöchentlichen Projektangeboten die Möglichkeit, in einer vertrauten Umgebung ihren Interessen nachgehen zu können. Außerschulische Partner erweitern zudem das Angebot in Form von AGs wie Schach, Tischtennis, Kinderballett, Kreatives Gestalten, Klettern. Im nächsten Schuljahr wird z.B. in Zusammenarbeit mit der Musik- und Kunstschule eine AG „Orchester“ angeboten. Alle Schüler lernen an der Schule ein Musikinstrument. Während die meisten Angebote im Betreuungspreis inkludiert sind, wird für solche speziellen Projekte von den Eltern ein kleiner Obolus erhoben, der in diesem Fall für ein halbes Jahr bei etwa € 10 liegt. Den Mitarbeitern ist es außerdem sehr wichtig, besondere Fähigkeiten und Talente der Kinder zuerkennen, damit diese gezielt gefördert werden können.

Klare Regeln und Strukturen für alle

Alle Mitarbeiterinnen arbeiten in Vollzeit und sind bereits am Vormittag in der Schulbegleitung tätig. Nach einer Mittagspause geht für sie der Arbeitstag nahtlos weiter. So greift gleichzeitig das Regelsystem vom Vormittag auch am Nachmittag, welches sich in den letzten Jahren entwickelt hat: klare Regeln und Strukturen für alle. Aufgrund dieser Gegebenheit hat eine Rhythmisierung stattgefunden und die Schulzeiten wurden entsprechend ausgeweitet.
Man merkt schnell, dass hier Schule und Betreuung eng zusammen arbeiten und auch die Räumlichkeiten der Schule nach Absprache gemeinsam genutzt werden. Während in dem IBGS-Gebäude Räume für An-/Abmeldung, Malen, Gesellschaftsspiele und ein Multifunktionsraum vorhanden sind, finden im Schulgebäude Hausaufgaben, Werken und Bauen statt. Auch eine Bücherei wird dort betrieben, die am Nachmittag mitbenutzt werden kann. Wenn man diesen Raum betritt, verziert mit einer wunderschönen Wandgestaltung, kommt die Atmosphäre einer echten ganz nah.

Welche Qualitätsziele haben Schule und Träger?

Ein gemeinsames Konzept beinhaltet die Grundideen, die organisatorische und pädagogische Verzahnung aller Partner, die Organisation über den Austausch und die Beteiligung von Eltern und Schülern. Man bleibt immer im Prozess. So findet täglich ein kurzer Austausch der Schulleitung und Leitung der IBGS statt und beide nehmen entsprechend an Lehrerkonferenzen und Teamsitzungen teil. Regelmäßige Klassenteam- sowie Leitungsteamsitzungen, gemeinsame Arbeitsgruppen (z.B. Spieletag, Literaturwoche, Feste usw.) stärken das Miteinander und machen die Arbeit für Eltern transparent. Die Zusammenarbeit gelingt nur, wenn man sich auf Augenhöhe begegnet. Der Elternbeirat hat mit der geschäftsführenden Leitung immer eine feste Ansprechpartnerin für den Ganztag.
Kinder brauchen im Ganztag nach der Schule einen vertrauten Ort der Verlässlichkeit, an dem soziales Lernen mit Gleichaltrigen stattfindet, während Eltern die flexible Nutzung der Betreuungszeit zu schätzen wissen. Ab November 2019 wird die Betreuung neue Räumlichkeiten beziehen. Der Fortschritt dieser Baumaßnahme wird übrigens auf der Internetseite durch die ‘Bauredaktion’ der Kinder mitverfolgt und kommentiert.
Wir bedanken uns herzlich bei der Leiterin Frau Jedamzik und Frau Rieper von der Hansestadt Lübeck für den Rundgang durch die Räumlichkeiten und wünschen dem Vereinsteam ab November 2019 besonders viel Freude in ihren neuen Räumlichkeiten.

Natürlich kann und muss das Betreuungsangebot noch erweitert und verbessert werden. Hierzu treffen sich alle Beteiligten regelmäßig zum Erfahrungsaustausch, eine Ideenbörse ist in Planung. In Zusammenarbeit zwischen der Hansestadt Lübeck, Schulamt und den Trägern wird stetig an der Qualitätsentwicklung gearbeitet. Das ist natürlich nicht zuletzt eine Frage des Geldes. Vergessen darf man nicht, dass das Engagement in der Schulkindbetreuung von Seiten der Hansestadt eine freiwillige Leistung ist. Sollte, wie von der Bundesregierung gefordert, ein Anspruch auf einen Betreuungsplatz Realität werden, würden voraussichtlich zusätzliche Gelder bereitgestellt werden. Ein Ganztag an Schule kann auf jeden Fall für alle ein Gewinn sein, da dadurch die Bildungs- und Teilhabechance aller Kinder verbessert wird. Wir finden, Lübeck ist auf dem richtigen Weg.