Reich mir die Hand

Wenn Kinder und Jugendliche ihre Angehörigen pflegen

Lorenz* ist 8 Jahre alt. Seine Mutter ist krank und kann sich immer schlechter bewegen. Er hat ziemlich früh bemerkt, dass der Alltag sich anders gestaltet, als bei seinen Mitschülern zu Hause. Aufgefallen ist ihm das in kleinen Dingen, bspw. hilft er der Mutter beim Waschen und reicht ihr das Essen an. Oft begleitet er die Krankenhausbesuche der Mutter mit, das dauert manchmal ziemlich lange und Lorenz hat ein schlechtes Gewissen, weil er der Mutter helfen möchte, aber lieber würde er spielen und sich mit seinen Freunden treffen. 
(*Name frei erfunden)

Dieses Beispiel ist Realität im Alltag der „Young Carers“. Dieser Begriff stammt aus England und wurde dort geprägt, für junge Menschen unter 18 Jahren, die pflegen. Wie schaut es bei uns in Deutschland aus? Prof. Dr. Sabine Metzing, Professorin für Pflegewissenschaften forscht seit 2004 auf diesem Gebiet. 2018 veröffentlichte Metzing in ihrem Abschlussbericht zum KiFam Forschungsprojekt (Umgang mit Krankheit in der Familie) für die Altersgruppe 10 bis 19 Jahre folgendes Ergebnis: Rund 479.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland pflegen ihre kranken Eltern und/oder andere Angehörige. Das heißt konkret: 1-2 Kinder pro Schulklasse befinden sich bundesweit im Durchschnitt in einer Schulklasse, die ihre kranken Angehörigen versorgen.

In Deutschland wissen wir seit einigen Jahren mehr über Minderjährige, die ihre Familienmitglieder pflegen. Jedoch ist es nach wie vor Realität, dass diese Gruppe junger Menschen noch schwer zu erreichen ist. Weiterhin haben wir bisher keine einheitliche Definition für diese Gruppe. Damit geht ein teilweise geringes gesellschaftliches Bewusstsein einher. Dabei ist man in der Forschung schon ziemlich weit und auch die neusten Zahlen der ,,KiFam Studie“ zeigen die Notwendigkeit. Prof. Dr. Sabine Metzing definiert die Gruppe wie folgt: ,,Pflegende Kinder und Jugendliche sind Minderjährige, die regelmäßig chronisch kranken Familienmitgliedern helfen oder diese pflegen. Ihre Tätigkeiten umfassen z.B. Hilfe bei der Körperpflege, im Haushalt, bei der Betreuung jüngerer Geschwister sowie emotionale Unterstützung. Einige der Kinder und Jugendlichen sind für die Rund-um-die-Uhr-Betreuung von Angehörigen alleinverantwortlich“.

Anlaufstellen für „Young Carers“ gibt es vereinzelt in Deutschland und auch in unserer Region. Der Kinderschutzbund Bad Segeberg hat ein Angebot mit Gruppen für Kinder und Jugendliche mit kranken Familienmitgliedern. Aktuell gibt es Gruppen mit jeweils fünf Kindern und Jugendlichen in Bad Bramstedt und Bad Segeberg. Die Gruppen treffen sich wöchentlich für zwei Stunden. In den Gruppen soll den Kindern und Jugendlichen Raum geschaffen werden, in dem sie auf Gleichgesinnte treffen und sich austauschen können, Fragen stellen und einfach nur Kind/Jugendlicher sein dürfen.

Wir von „Young Helping Hands“ möchten mit unserem Angebot öffentlich aufklären und auf unserer Online Plattform eine Übersicht möglicher Anlaufstellen bieten. Dabei liegt unser Fokus auf den individuellen Bedürfnissen junger Pflegender. Wir fragen uns in der Arbeit: Was braucht es um pflegende Kinder und Jugendliche gut zu erreichen? Wir wissen, dass Hemmschwellen und Ängste dazu beitragen können, dass sich Kinder und Jugendliche nicht öffnen möchten, manchmal ist auch ein fehlendes Wissen ein Hinderungsgrund. Oft erkennen sich Kinder und Jugendliche gar nicht in ihrer Rolle als pflegender Angehöriger. Und dann natürlich die Hauptsorge: Wenn ich mich anderen mitteile, wenn ich sage, dass ich meine kranken Familienmitglieder versorge. Wenn ich sage, dass mich das an meine Grenzen treibt und ich Hilfe brauche, was bedeutet das dann genau für mich und unsere Familie? Oftmals ist die Sorge, dass bestehende Familienstrukturen damit durcheinander geraten und ein zu großer ,,Eingriff“ von Außen erfolgt. Wir wissen, dass diese Bedenken ernst zu nehmen sind, wollen aber mit unserer Arbeit Lösungsansätze aufzeigen und den Betroffenen somit die Möglichkeit bieten, neue Lösungen selbstbestimmt zu suchen. Wie kann das aussehen? Aufgrund wichtiger Aspekte, die uns in der Arbeit immer wieder begegnen, bieten wir einen Ansatz, der Bedürfnisse von jungen Pflegenden beschreibt.

Kinder und Jugendliche die pflegen, also ,,Young Carers“, brauchen:
  • Ein Bewusstsein darüber, dass sie pflegende Angehörige sind. Das heißt auch: Welche Schwierigkeiten entstehen durch die Pflegesituation im Alltag, aber auch welche Kompetenzen und Ressourcen gewinne ich dadurch? Denn wir wissen aus vielen Erfahrungsberichten ehemaliger junger Pflegender, dass weiterhin positive Kompetenzen durch die Situation hervorgehen.
  • Mehr Transparenz im öffentlichen Raum. Die Gruppe der „Young Carers“ braucht mehr ,,Sichtbarkeit“ auch an öffentlichen Institutionen. An Schulen, aber auch an außerschulischen Institutionen wie bspw. Jugendtreffs, bedarf es vermehrt einer Aufklärung darüber, was junge Pflegende sind und welche Aufgabe sie zusätzlich in ihrem Alltag erledigen. Damit soll ein besseres Verständnis für die Lebenswelt junger Pflegender erfolgen, auch praktische Angebote im öffentlichen Raum können Entlastung für junge Pflegende bringen.
  • Bezugspersonen, die junge Menschen mit Pflegeverantwortung im Alltag begleiten. Dies ist oft für junge Menschen mit Pflegever­antwortung eine wichtige Stütze und so erfahren sie Entlastung durch andere Menschen, auch außerhalb des Familiensystems.
  • Austausch mit anderen jungen Menschen, die ähnliche Situationen erfahren. Gerade in einer Peergroup kann es eine gute Erfahrung sein, sich gegenseitig auszutauschen, aber auch einfach Freizeit miteinander verbringen zu können, oftmals wird dies als sehr entlastend erlebt.
  • Wir wissen nun, dass 1-2 Kinder pro Schulklasse betroffen sind. Ganz praktisch stellt sich zum Schluss die Frage nach der Umsetzung im eigenen Alltag.  Was können  wir tun, wenn wir einen jungen Menschen kennen, der ein krankes Familienmitglied betreut? Oftmals reicht es einfach nur zuzuhören, und wenn erforderlich und zugelassen, gerne auch Hilfe anbieten. Vielleicht können Sie sich auch mit dem jungen Menschen zusammen über bestehende Hilfsangebote informieren.
Kinder und Jugendliche, die anderen die Hand reichen, brauchen jemand, der ihnen die Hand reicht.

Kennen Sie ein Kind mit einem kranken Elternteil/oder anderen Angehörigen? Bei weiteren Fragen kontaktieren Sie uns gerne unter der Email Initiative-junger-Pflegender@web.de. Mehr zum Thema finden Sie auf unserer Website: www.young-helping-hands.de

Zum Nachhören: 

Ein Lied zu diesem Thema von Turid Müller „Unsichtbar“- nachzuhören auf Soundcloud.

Interview im Deutschlandfunk Nova vom 25.07.2019: ,,Rollentausch, Wenn wir unsere Eltern pflegen“ zu hören unter: www.deutschlandfunknova.de/beitrag/rollentausch-wenn-wir-unsere-eltern-pflegen

Autorin: Julika Stich,
Jahrgang 1981, staatlich anerkannte Erzieherin, selbst ehemaliger „Young Carer“, lebt in Lübeck, gründete 2016 die Initiative „Young Helping Hands“.

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