Einfach durchschlafen? Warum Kinder anders schlafen

Der Schlaf ist ein hochkomplexer Vorgang, der durch unzählige Faktoren gestört werden kann und im Baby- und Kleinkindalter erst erlernt werden muss. Während Neugeborene in den ersten Tagen nach der Geburt sehr viel schlafen, benötigt es danach häufig die Unterstützung durch die Eltern. Wenn das Kind müde ist, aktiviert es sein Bindungssystem, ein unsichtbares Band als Schutz vor Gefahren. Daraus folgt, dass es gerade dann die Nähe der Eltern zum Einschlafen braucht. Das Bedürfnis der Eltern, dass weinende Kind auf den Arm zu nehmen ist genau richtig, stärkt das Urvertrauen und die spätere Eigenständigkeit und führt gerade im ersten Lebensjahr nicht dazu, dass das Kind verwöhnt wird.

Babys und Kinder schlafen anders als Erwachsene

Ein typischer Tag/Nacht Rhythmus stellt sich erst später ein, kann jedoch durch einen regelmäßigen Tagesablauf gefördert werden. Hierbei ist es hilfreich auf die Signale des Kindes wie Hunger, Müdigkeit und Überreizung zu achten und entsprechend zu reagieren. Babys und Kinder schlafen anders als Erwachsene. Sie verbringen viel mehr Zeit im sogenanntem REM-Schlaf, der für die Gehirnentwicklung entscheidend ist, jedoch weniger tief und nur ein Hauch vom Wachsein entfernt ist. Vor allem zu Beginn des Einschlafens befinden sie sich in einem Leichtschlaf, der als sogenannter Testschlaf anzusehen ist. Falls irgendwie Gefahr droht, können sie noch wach werden und sich lautstark melden.

Kinder wollen getragen und geschaukelt werden

Auch die Persönlichkeit des Kindes beeinflusst sein Schlafverhalten. 1/4 der Babys hat ein hochreaktives Temperament. Sie reagieren stärker auf Umweltreize, sind ängstlicher und schwerer zu beruhigen. Sie suchen extrem viel körperliche Nähe und wollen viel Bewegung spüren, also getragen und geschaukelt werden. Jedoch ist eine Überstimulation zu vermeiden. Eltern, die ihr Kind meist aktiv mit viel Körperkontakt beruhigen, nehmen ihrem Kind die Möglichkeit, sich selber zu beruhigen und eigenständige Strategien zu erlernen. Wichtiger als intensiver Körperkontakt ist die emotionale Verfügbarkeit der Eltern in der Einschlafsituation, d.h. konkret dass die Eltern durch ihr Verhalten Gefühle von Sicherheit und Vertrauen in ihren Kindern stärken.

Durchschlafen ist eher die Ausnahme

Im Alter von einem Jahr wachen noch 2/3 der Kleinkinder regelmäßig nachts auf. Oft wird das Durchschlafen mit Beginn der Fremdelphase (8-11 Monate) wieder schwieriger. Das Kind sollte dann getröstet werden, die Sicherheit spüren, ggf. auch mit ins Bett der Eltern genommen werden. Nächtliche Aktivitäten sind jedoch zu vermeiden. Dass Kinder regelmäßig und dauerhaft durchschlafen ist in den ersten 3 Lebensjahren eher die Ausnahme.

Wie kann es gelingen, dass Kinder gut ein- und durchschlafen?

Ein Patentrezept hierfür gibt es nicht. Dafür sind die beeinflussenden Variablen, wie die Persönlichkeit des Kindes und der Eltern, die Umstände z.B. unseres gesellschaftlichen Lebens mit einem stressigen und eng getakteten Alltag und zahlreiche andere Faktoren wie Zahnen und Erkrankungen des Kindes zu komplex. Der Schlaf passt eigentlich nicht in unsere Welt, die auf Leistung, Effizienz, Tempo und Anspannung getrimmt ist. Denn Schlafen funktioniert nur bei Entspannung, nicht Anspannung. Er lässt sich nicht erzwingen; nicht „Festhalten“ sondern „Loslassen“ ermöglicht ihn erst.

Tipps zum besseren Schlafverhalten

Es gibt jedoch zahlreiche Schlaftipps, die den Weg zum besseren Schlafverhalten unterstützen. Gerade in den ersten Lebensmonaten brauchen die meisten Babys die körperliche Nähe, sie schlafen besonders gut beim Stillen oder auf dem Arm der Mutter ein. Es ist deshalb auch nicht falsch, wenn das Baby in einem Tuch am Körper getragen wird und/oder nachts mit der stillenden Mutter in einem Bett schläft. Mutter und gestillte Babys, die Seite an Seite schlafen, stimmen sich im Schlaf unbewusst aufeinander ab. Auf diese Weise meldet sich das Baby, wenn sich die Mutter auch im Leichtschlaf befindet. So wird die Mutter seltener aus dem Tiefschlaf geholt. Die Angleichung der Schlafphasen von Mutter und Kind werden durch die Nähe und die beim Stillen aktivierten Hormone reguliert.

Einschlafrituale helfen

Wird das Kind älter, sollte vor dem Zubettgehen ein Einschlafritual im Sinne einer positiven Verhaltenskette gestaltet werden: je nach Alter gemeinsames Zähneputzen, Plüschtieren gute Nacht sagen oder Buch vorlesen. Ein solches Einschlafritual sollte nicht länger als 20 bis 30 Minuten dauern, regelmäßig stattfinden und ruhige Aktivitäten beinhalten. Ein Wechsel zwischen Mutter und Vater beim Zu-Bett-Gehen kann eventuell einer zu engen Bindung an nur eine Bezugsperson vorbeugen. Es ist auch hilfreich, dass Babys und Kinder tagsüber viel an der frischen Luft sind. Das stimuliert den zeitlichen Taktgeber für den Tag-/Nachtrhythmus und verstärkt über Anregung zahlreicher Stoffwechselprozesse die abendliche Müdigkeit.

Hilfe in Anspruch nehmen

Sollten alle Tipps nicht helfen, kann die Gewissheit um die zeitliche Begrenztheit der kindlichen Schlafprobleme trostspendend sein. Jedoch sollte bei Erschöpfung Hilfe von Großeltern oder dem Partner eingeholt werden. Der Haushalt muss dann warten und der Partner eventuell den Urlaub vorziehen. Denn Urlaub ist zur Erholung, die Sie dann unbedingt brauchen, um ihr Baby in seiner Entwicklung die nötige Unterstützung zu geben.  Prof. Dr. med. Christian Schultz