Wann brauchen ängstliche Kinder Hilfe? Und warum haben sie oft Bauchschmerzen?

Angst ist die vielleicht mächtigste menschliche Emotion. Besonders Panik kann Kinder und ihre Eltern so stark unter Druck zu setzen, dass gar nichts mehr geht! Dann macht sich Überforderung und Ratlosigkeit breit. Oft entsteht ein Teufelskreis von Vermeidung, Schonung, sozialem Rückzug, grübeln und quälenden Angstphantasien. Und: Oft haben ängstliche Kinder heftige körperliche Beschwerden, die wiederum den Eltern Angst machen …   

Wer unter schlimmen Ängsten leidet, kann sich meist gar nicht vorstellen, dass Angst in unserem Leben eine total wichtige Funktion hat. Was wären wir ohne Angst? Die meisten meiner Therapiepatienten möchten spontan rufen: „Glücklich!“ Dann stellen wir aber zusammen fest, dass ich ohne Angst als Kind wohl ertrunken wäre und das Kind vor ein Auto gelaufen oder die Jugendliche aus dem Fenster gefallen! Angst hat also zuallererst eine überlebenswichtige Schutzfunktion gegen Gefahren, die wir nicht gut einschätzen können! So haben gesunde kleine Kinder oft Angst, von ihren Eltern getrennt zu werden, bei denen sie sich sicher fühlen.

Besonders schüchterne Kinder brauchen bei der Eingewöhnung im Kindergarten oft Geduld. Schwieriger wird es, wenn größere Kinder nicht ohne ihre Eltern in der Schule bleiben wollen und ein echtes Problem entsteht, wenn die Angst zur „Chefin“ wird, ein Kind schier lähmt und es davon abhält, zu spielen, die Schule zu besuchen oder Freundschaften zu pflegen. 

So war es bei Lasse: Er konnte nur mit Überwindung in die 1. Klasse gehen und sprach dort lange kaum. Wenn es laut wurde oder Streit gab, wirkte er angespannt und ging weg. Lasse war ein lieber und hilfsbereiter Junge, hatte aber trotzdem kaum Freunde und war nachmittags fast nie verabredet. In der 3. Klasse hänselte ihn ein neuer Mitschüler und stellte ihn bloß. Lasse konnte abends nicht mehr gut einschlafen, klammerte sich an seine Eltern und blieb immer öfter „krank“ zuhause. Morgens hatte er keinen Appetit und oft Bauchschmerzen; manchmal war ihm sogar übel – außer am Wochenende! 

Ängste und Stress sind häufig Ursachen für Beschwerden

Was können Eltern selbst für ihr Kind tun? Wann ist der Punkt erreicht, an dem die Not des Kindes schädlich für seine Entwicklung und Gesundheit wird? Oft ist die Vorstellung bei der Kinderärztin hilfreich, die das Kind und die Familie bereits kennt und zu der Vertrauen besteht. Sie wird bei körperlichen Symptomen wie Schmerzen oder Übelkeit erst einmal klären, ob es sich um eine organische Erkrankung handelt und die Familie beraten. Wenn der Körper aber gesund ist, sind Ängste und Stress häufige Ursachen für Beschwerden. Das lässt sich am besten durch das sog. bio-psycho-soziale Krankheitsmodell der Psychosomatik (=Seele-Körper-Medizin) verstehen und kann sich ganz unterschiedlich äußern: Die Anspannung und die hohe Erregung des vegetativen Nervensystems verspüren organisch gesunde Kinder – und auch Erwachsene – oft körperlich als Appetitlosigkeit, Bauch- (oder andere) Schmerzen, Übelkeit bis hin zu Erbrechen oder andere Körpersymptome. Bei besonders starkem Stress und nach traumatogenen Erlebnissen können neben Somatisierungen sog. dissoziative Bewegungsstörungen bis hin zu psychogenen Lähmungen oder nichtepileptischen Krampfanfällen auftreten.

Es ist wichtig die Angststörung frühzeitig zu erkennen

Wie und warum gerät der Körper bei Stress in einen Alarmzustand? Nun, in bedrohlichen Situationen wird unser Körper – ähnlich wie Asterix durch seien Zaubertrank – durch die innere „Fright-Fight-Flight“- (zu gut deutsch Furcht-Kampf-Flucht)-Reaktion in maximale Reaktionsfähigkeit versetzt. Das hat uns in der Evolution geschützt. Wenn ein Raubtier unsere Vorfahren verspeisen wollte, hatten sie die Wahl, urplötzlich anzugreifen oder wegzurennen und auf einen Baum zu klettern. Dabei werden durch eine Alarmachse im Gehirn zeitgleich Botenstoffe ins Blut ausgeschüttet und Signale von Nervenzelle zu Nervenzelle weitergegeben, die über Adrenalin und Cortisol bewirken, „dass wir alles geben können, um entweder drauf oder abzuhauen“. Wenn dieser Zustand höchster Anspannung mit Herzklopfen, hohem Blutdruck und starkem Schwitzen aber zu oft und lange besteht, kann er körperlich krank machen. Auch deshalb ist es wichtig, eine Angststörung frühzeitig zu erkennen und auszuschließen, dass eine Traumatisierung die Beschwerden verursacht. Dabei geht ein Trauma auf mindestens ein überwältigendes Erlebnis zurück, das uns durch maximalen Stress derart ohnmächtig und hilflos gemacht und evtl. unser Urvertrauen zerstört haben kann, dass wir uns nicht mehr imstande fühlten, uns zu retten, sondern stattdessen innerlich und äußerlich handlungsunfähig erstarrt sind, wie das Beutetier im Schatten der Silhouette des herabstoßenden Raubvogels. 

Während Operationen oder Medikamente bei Ängsten keine Lösung bieten, besteht die Möglichkeit einer Überweisung zum Kinder- und Jugendlichen Psychotherapeuten oder Psychiater, der spezialisiert berät und wo erforderlich eine Psychotherapie mit begleitenden Elterngesprächen empfiehlt und oft anbietet. Wo dies nicht ausreicht, besteht die Möglichkeit einer stationären pädiatrisch-psychosomatischen Behandlung wie diese in Schleswig-Holstein durch „Die Insel“ am UKSH in Lübeck angeboten wird. Wenn ein Kind bei anderen oder gar selbst Gewalt oder Übergriffe erlebt hat, ist dies ein besonderer Auslöser von Ängsten, der sehr behutsam durch auf Traumata spezialisierte Psychotherapeuten untersucht und behandelt werden sollte, um sog. Retraumatisierungen zu vermeiden. 

Sich Hilfe zu holen fällt oft schwer

Oft fallen die ersten Schritte, sich Hilfe zu holen, schwer. Aber: Ein Problem mit Angst, Traurigkeit oder Wut zu haben, ist genauso „normal“, wie eine Blinddarmentzündung und da holen wir uns doch auch rechtzeitig Hilfe, bevor „er“ platzt und der Eiter in die Bauchhöhle läuft, oder?! 

Therapie kann heißen: Gemeinsam Detektiv sein, um herauszufinden woher die Ängste kommen und wie Kind und Familie sie besiegen und gemeinsam daran wachsen können. Dabei kann gesprochen, gemalt, gespielt, gestritten, geweint und gelacht werden! Humor hilft ganz oft, die Anspannung hinter sich zu lassen. So kann es helfen, sich spielerisch gegen die Angst zu behaupten, indem Erwachsene sie mit dem Kind gemeinsam herausfordern: „Komm, lass uns im Dunkeln Gespenster erschrecken: Hu hu!“ ist so ähnlich wie lautes Pfeifen im dunklen Wald und kann richtig Spaß machen, wenn man sich vorstellt, wie dann plötzlich die armen Gespenster vor Angst schlottern … 

Wir alle haben im Leben Ängste und auch Phasen, in denen es uns seelisch schlechter geht. Wenn wir uns nicht beschämt wegducken, sondern darüber mit Familie oder Freunden sprechen und uns bei Bedarf therapeutische Hilfe holen, merken wir, dass es anderen ähnlich geht. Auch zeigt sich, dass wir das Bedrückende wieder hinter uns lassen können und, dass gegenseitiges sich (an)Vertrauen Freundschaften und Beziehungen vertiefen und uns miteinander reifen lassen kann. Was uns Kraft gibt, Krisen zu bewältigen, nennt die Wissenschaft „Resilienz“. Dazu gehören familiärer Zusammenhalt, Freundschaften und die Fähigkeit, gut für uns selbst zu sorgen. Ein besonders wichtiger Resilienzfaktor, den wir eine „sichere Bindung“ nennen, entsteht, wenn das Baby und Kleinkind sich bei seinen engsten Bezugspersonen sicher, verstanden und ohne Vorbedingungen angenommen und geliebt fühlen kann. Das gibt dem Kind einen sicheren Hafen, von dem aus sich die Welt gut erkunden und meist als sicher erleben lässt.  

Autor: Dr. med. Torsten Lucas,
Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut, Oberärztlicher Leiter „Die Insel“ 

Insel – Verein für KinderSeelenNot, Lübeck e.V.

„Die Insel“ heißt die Psychosomatische Station des Kinderzentrums am Campus Lübeck des UKSH. Dort werden Kinder und Jugendliche therapeutisch behandelt, die unter Ängsten, Traumatisierungen, Depressionen, Magersucht, Schulabsentismus, Einnässen, funktionellen Schmerzen, Zwängen, Bindungsstörungen oder anderen Symptomen leiden. Mehr erfahren Sie/erfährst Du unter: www.kinderpsychosomatik-luebeck.de 
Von Krankenkassen wird nur eine therapeutische Grundversorgung übernommen und unsere Erfahrung zeigt die Wirksamkeit zusätzlicher Projekte, die die Station „Die Insel“ anbietet. So konnten Patienten in ihrer Entwicklung und Gesundung stark von Theater-, Zirkus- oder Musikprojekten und auch von der tiergestützten Therapie mit einem Hund oder Pferd profitieren, die ihnen spendenfinanziert über den Verein angeboten werden konnte. Für Nachfragen wenden Sie sich bitte an: Meike Martensen, Tel. 0451/57546,   verein.insel@gmail.com.