Auch Trennungseltern wollen gute Eltern sein

Oft ist es Eltern gar nicht bewusst, dass sie mit der Trennung in eine Lebenskrise geraten sind. Sie rechnen sich ihre unvermeidbare Erschöpfung dann als persönliche Schwäche an. Elterntrennungen sind – gesellschaftlich betrachtet – ganz normal, weil sie inzwischen jede zweite Familie betreffen. Psychologisch gesehen, stellen sie für die Einzelnen jedoch einen Ausnahmezustand dar. Wir haben es hier mit der wohl am meisten unterschätzten Krise zu tun. Einer Krise, die Betroffene als persönliches Scheitern erleben und die so privat und oft schambesetzt ist,  dass es Eltern schwerfällt, sich Begleitung und Unterstützung zu suchen.

Unter Corona hat der Druck auf betroffene Familien noch einmal enorm zugenommen. Erziehungsberatungsstellen und Jugendämter verzeichnen einen dramatischen Anstieg der Anzahl sogenannter „hochstrittiger Eltern“ und Kinderärzte erleben eine besorgniserregende Zunahme psychischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter, denen nicht selten ein Entwicklungstrauma im Zusammenhang mit einer Elterntrennung zugrunde liegt.

Die schleswig-holsteinische Erziehungswissenschaftlerin Ute Steffens hat ein therapeutisches Lesebuch geschrieben, in dem sie entwicklungspsychologische Erkenntnisse mit Blick darauf auswertet, wie Kinder unterschiedlicher Altersgruppen eine Trennung erleben und was sie im Umgang mit ihren Eltern brauchen, um gesund und sogar gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen. Erziehung geschieht immer in Beziehung und so verunsichert es Kinder, wenn sie ihre Eltern, die ihnen bis dahin selbstverständlich Halt und Orientierung geboten haben, nun zeitweise zwangsläufig erschöpft und emotional wenig verfügbar erleben.

Das Buch zeigt an vielen konkreten Beispielen auf, wie eine authentische und zugleich verantwortungsvolle Kommunikation mit Kindern gelingen kann, denn dies ist die Voraussetzung dafür, dass alle Beteiligten mit neuem Selbstbewusstsein aus dieser Krise hervorgehen. 

Eltern müssen ihre Motive und ihren Umgang sowohl miteinander, als auch mit den Kindern regelmäßig reflektieren, wenn sie entwicklungsbedingte Missverständnisse verhindern und kindliche Ängste und Konflikte nicht ungewollt nähren wollen. Ein typisches Missverständnis, das sich auf diese Weise vermeiden lässt, ist das  spontane Gefühl von Kindern, an der Trennung ihrer Eltern schuldig zu sein.

Eltern, die sich darauf einlassen, ihren Umgang mit den Kindern zu reflektieren, machen die Erfahrung, dass dieser Prozess sie auch in ihrer persönlichen Entwicklung enorm voranbringt. Es gibt keine Situation, in der sich Eltern weniger verstecken können als im Umgang mit ihren Kindern, denn die beobachten ganz genau und stellen Fragen, deren angemessene Beantwortung ein hohes Maß an Selbstklärung erfordert.

Basierend auf ihrem Manuskript hat sich Ute Steffens aufgrund von Corona entschlossen, einen Blog www.trennungskinder.blog zu erstellen, der seit Mitte November 2020 online ist. Damit macht sie Betroffenen und Interessierten ein kostenloses und werbefreies Angebot, das diese jederzeit bequem abrufen können. Das Buch wird im November 2021 beim ClausVerlag erscheinen.

Im Laufe ihrer langjährigen therapeutischen Arbeit mit Trennungseltern hat sie dazu viele Fallbeispiele zu typischen Konflikten, Fragen und Lösungen gesammelt und verfremdet. LeserInnen können eine ihrer Klientinnen, die sie Anna nennt, dabei begleiten, wie sie ihre zunächst unfreiwillige Trennung vom Vater ihrer beiden 4- und 8-jährigen Kinder in einem auf 20 Sitzungen verdichteten Prozess verarbeitet und in ihren Tagebuchaufzeichnungen reflektiert. 

Auf dem Blog stellt sie einzelne Sitzungen in Auszügen und Zusammenfassungen dar, die Eltern dazu anregen sollen, eigene Lösungen zu finden. Gern können sie auch persönliche Erfahrungen teilen und Fragen stellen, die die Autorin dann natürlich nicht veröffentlicht.

In ihren regelmäßig erscheinenden Beiträgen greift sie aktuelle Themen auf, die auf diese Weise an sie herangetragen werden. 

Autorin:
Dipl. Päd. Ute Steffens
Erziehungswissenschaftlerin mit gestalttherapeutischer Zusatzausbildung, viele Jahre Erfahrung in der Erziehungsberatung von Trennungseltern, Mutter von zwei erwachsenen Kindern
www.trennungskinder.blog