Pflegefamilien in Lübeck – Wertvolle Hilfe für Kinder in schwierigen Lebenslagen

Wenn Eltern ihre Kinder nicht ausreichend versorgen, schützen oder fördern können – oder wenn sie ihre Kinder sogar verletzen, können diese Kinder (befristet oder unbefristet) in einer anderen Familie aufgenommen werden. Die befristeten Aufnahmen übernehmen in Lübeck Pflegefamilien, die durch den Fachdienst Kinder in zwei Familien (K2F) der AWO Schleswig-Holstein gGmbH in Kooperation mit Pflegekinderdienst der Hansestadt Lübeck betreut werden. 

Wie läuft so eine Aufnahme ab? Wer kann Pflegefamilie werden? Der Fachdienst K2F der AWO gibt uns hier einen Einblick in seine Arbeit und erklärt einige grundlegende Dinge.

9.15 Uhr

Morgens an irgendeinem Tag in Lübeck. Im Büro des Fachdienstes „Kinder in 2 Familien“ (K2F) der AWO SH gGmbH in Lübeck klingelt das Telefon. Eine Kollegin vom Jugendamt schildert ihre Sorge um ein Kind, für dessen Familie sie zuständig ist. Sie befürchtet, dem Kind gehe es in seiner Familie nicht gut. Es gäbe Hinweise auf Gewalt zwischen den Eltern, die das Kind miterlebe. Außerdem sei es länger nicht mehr in der Kita gewesen. Es könnte sein, dass sie das Kind aus der Familie „herausnehmen“ muss, um es zu schützen. Die Mitarbeiterin des K2F der AWO in Lübeck bekommt in diesem ersten Telefonat die erforderlichen Informationen für eine mögliche Aufnahme des Kindes in eine Pflegefamilie.

Die Entscheidung, ob ein Kind aus seiner Familie herausgenommen werden muss, fällt niemandem leicht. Aber es gibt Lebenssituationen, in denen Menschen Unterstützung und Hilfe brauchen. Auch Menschen, die als Eltern Verantwortung für Kinder tragen. Vielleicht haben diese Eltern so große eigene Probleme, dass sie ihre Kinder aus dem Blick verlieren. Oder sie zeigen starkes Suchtverhalten und gefährden dadurch ihre Kinder. Evtl. ist die Partnerschaft durch Gewalt geprägt und sie finden nicht die Kraft, sich vom Gewalt ausübenden Elternteil zu trennen, um eigene Wege zusammen mit dem Kind zu finden…

Es gibt viele Gründe, warum es für Eltern schwierig ist, sich so um ihre Kinder zu kümmern, wie diese es brauchen. Das hat nichts mit Schuld oder Bösartigkeit zu tun. Es sind erfahrungsgemäß die Lebensumstände und Brüche im Leben der Eltern, die dazu führen, dass Kinder nicht geborgen und sicher bei ihnen leben können. Für Kinder bleiben Eltern immer ein Teil ihres Lebens. Dem K2F der AWO ist ein wertschätzender und respektvoller Umgang mit den Herkunftseltern ausgesprochen wichtig. 

Im beschriebenen Beispiel wird die Mitarbeiterin des Jugendamtes nun klären, ob das Kind mit Unterstützung (z. B. durch ambulante „Hilfen zur Erziehung“) in der eigenen Familie bleiben kann. Die Pflegefamilien der AWO stehen bereit, sollte sich herausstellen, dass Kinder fremduntergebracht werden müssen. So können Kinder liebevoll in ein Familienleben integriert werden, bis eine Perspektive für ihre Zukunft geschaffen ist. 

9.55 Uhr

Am selben Tag. Nach dem ersten Telefonat, in welchem die mögliche Aufnahme angekündigt wurde erstellen MitarbeiterInnen des K2F eine Übersicht über die Bedarfe des Kindes. Diese werden mit den Profilen der in Frage kommenden Pflegefamilien verglichen. So entsteht ein erster Entwurf für eine mögliche Hilfe, sollte das Kind tatsächlich nicht in der Herkunftsfamilie verbleiben können. Im Ergebnis werden 2-3 Familien gefunden, die zu den Bedarfen des Kindes passen könnten. Nun heißt es abwarten, was die Sozialpädagogin des Jugendamtes ermittelt. 

Der K2F der AWO vermittelt Lübecker Kinder bis 12 Jahre befristet in Pflegefamilien im Großraum Lübeck. Alle Familien mit Interesse an einer (befristeten oder unbefristeten) Pflegetätigkeit werden durch den K2F in Kooperation mit dem Pflegekinderdienst der Hansestadt Lübeck geschult, so dass sie auf eine Tätigkeit als Pflegefamilien vorbereitet sind. Nach dieser Grundqualifizierung stehen diese sehr engagierten Familien zur Verfügung, um bei Bedarf ein Pflegekind aufzunehmen.

Einige Kinder werden nur für kurze Zeiträume aufgenommen, z. B. wenn sich herausstellt, ein anderes Familienmitglied kann die Fürsorge für das Kind übernehmen. Andere Pflegeverhältnisse dauern länger, etwa, wenn bei einem Elternteil eine ärztliche oder therapeutische Behandlung durchgeführt werden muss, damit die Kinder wieder gut behütet zuhause leben können. 

Es gibt ganz „klassische“ Pflegefamilien (Mutter-Vater-Kind) ebenso wie „Großeltern-Pflegefamilien“. Hier sind die eigenen Kinder schon erwachsen, vielleicht gibt es schon die ersten eigenen Enkel. Alle Familienformen, die in unserer Gesellschaft vorkommen – von der Ein-Eltern-Familie bis hin zur gleichgeschlechtlichen Partnerschaft können sich als Pflegefamilie bewerben. Es gibt einige Kriterien, nach welchen die Bewerberfamilien für den Qualifizierungskurs ausgesucht werden: Scheinen sie grundsätzlich geeignet, die Pflege eines fremden Kindes zu übernehmen? Wirkt die Familie stabil? Wie ist das Wohnumfeld gestaltet? In einem Hausbesuch, durchgeführt durch den K2F der AWO in Kooperation mit dem Pflegekinderdienst der Hansestadt Lübeck werden solche Fragen besprochen. Ein Hausbesuch bei einer Bewerberfamilie ist erfahrungsgemäß ein ausgesprochen freundlicher Austausch. Es wird gelacht und es geht auch um ernste Themen.

10.50 Uhr

In einer Wohnung in Lübeck. Das Jugendamt hat die Mutter mit dem Kind angetroffen. Das Gespräch mit ihr verläuft freundlich. Es wird deutlich, dass sie es bisher nicht aus eigener Kraft schaffen konnte, sich aus ihrer Partnerschaft zu lösen. Sie ist kooperativ und nimmt das Angebot des Jugendamtes, ihr Kind für eine befristete Zeit unterzubringen, an. In dieser Zeit will sie ihre persönliche Situation so verändern, dass sie ihr Kind wieder zu sich nehmen kann. Sie unterschreibt einen Antrag auf „Hilfen zur Erziehung“. Ihr Kind wird nun mit ihrer Zustimmung in einer Pflegefamilie untergebracht.

Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten, wie Kinder in einer Pflegefamilie untergebracht werden. Am besten ist es für die ganze Familie, wenn alle Beteiligten übereinstimmend zu einer Lösung kommen. Auch die Fremdunterbringung kommt oft einvernehmlich zustande, stellt sie doch für Eltern eine Möglichkeit dar, die eigenen Verhältnisse zu klären, sich um ihre Gesundheit zu kümmern oder Partnerschaftsprobleme zu lösen. Eine Inobhutnahme kommt nur in Betracht, wenn eine Gefährdung des Kindeswohls nicht ausgeschlossen werden kann und Eltern nicht mit dem Jugendamt kooperieren. Dann gibt es auch eine gerichtliche Entscheidung. Für Pflegeeltern zeigt sich dieser Unterschied in ihrem Alltag nicht. 

11.30 Uhr

Im Büro des K2F der AWO in Lübeck. Erneut klingelt das Telefon. Die Sozialpädagoginnen von AWO und Hansestadt Lübeck tauschen sich über den Stand des Falles aus. Nun ist es für die Mitarbeiterin des K2F möglich, eine Pflegefamilie für die Aufnahme des Kindes anzurufen. 

Wird eine Pflegefamilie für die Aufnahme eines Kindes angerufen, entscheidet sie allein, ob sie der Aufnahme zustimmt. Es werden diverse Faktoren bei der Vermittlung berücksichtigt: Das Profil der Pflegefamilie, etwaige Urlaubszeiten, häusliche Gegebenheiten, die Altersstrukturen und die Lebensweise der Familie, um nur einige zu nennen. 

11.45 Uhr

In irgendeinem Lübecker Haushalt. Das Telefon klingelt. Es meldet sich die Mitarbeiterin des K2F der AWO mit einer Aufnahme-Anfrage bei der potenziellen Pflegefamilie. Nach einem Austausch der wichtigsten Informationen bittet der angefragte Pflegevater um einige Minuten Bedenkzeit, da er sich mit seiner Familie besprechen will. Nach kurzer Zeit meldet er sich zurück und sagt zu, das Kind aufzunehmen. Weitere Daten werden ausgetauscht. Es wird verabredet wann die Pflegefamilie in die Räume des K2F der AWO kommen wird, um das Kind und seine Mutter kennenzulernen. In diesem Aufnahmegespräch werden die wichtigsten Dinge geklärt, der Ablauf der Hilfe wird grob besprochen und die ersten Besuchskontakte werden verabredet. Die Pflegefamilie nimmt das Kind dann direkt mit.

Mit dem Aufnahmegespräch beginnt die befristete Vollzeitpflege beim K2F. Das Kind lernt eine (noch) fremde Familie kennen. Die Pflegefamilie und die Herkunftsfamilie des Kindes lernen sich kennen. Der grobe Rahmen für die Hilfe wird festgesteckt. Es werden erste Termine vereinbart, zum Beispiel für Besuchskontakte. Diese finden in den Räumen des K2F statt. Hier sind immer MitarbeiterInnen vor Ort, die unterstützen können. Kinder und Eltern bleiben in Kontakt. Im Verlauf der Hilfe wird gemeinsam entwickelt, ob und mit welcher Unterstützung eine Rückkehr der Kinder zu ihren Eltern möglich ist. 

Unsere Pflegefamilien in und um Lübeck leisten Großartiges für Lübecker Kinder. Wir freuen uns immer über InteressentInnen, die sich ebenfalls in dieser wertvollen Arbeit engagieren möchten. 

Kommen Sie doch zu einer unserer nächsten Infoveranstaltung. Jeden 1. Mittwoch im Monat findet um 16 Uhr ein Treffen statt. Coronabedingt im Moment in der Mehrzweckturn-Halle der AWO, Reetweg 30-40d, 23562 Lübeck. Eine Anmeldung ist erforderlich über die Webseite www.pflegekinder-luebeck.de. Dort finden Sie auch weitere Informationen.

Ihr Team vom K2F der AWO