Mut zum Anderssein

Wenn Anpassung krank macht

Lisa* ist mittlerweile 14 Jahre alt, hat bereits einige Psychiatrieaufenthalte hinter sich, aber viele Therapieversuche sind fehlgeschlagen. Sie ist magersüchtig und fügt sich häufig selbst Verletzungen zu. Sie war schon immer ein sehr neugieriges, aufgewecktes Mädchen. Sie hinterfragt alles, auch sich selbst. Selbstzweifel begleiten sie bereits seit der Grundschule. Sie konnte schon vor ihrer Einschulung lesen. Ihr reicht es nicht zu erfahren, welche Planeten es gibt. Sie möchte gleich wissen, welche wie zueinander stehen, wie weit sie auseinander sind, wie lange es von der Erde dauern würde, dorthin zu kommen.
Sie ist perfektionistisch und ihr Lieblingsfragewort war das „Warum“. Wenn die Lehrer etwas schnell und kurz erklärten, aber dadurch Details wegließen, unterbrach und korrigierte sie. Wenn sie ein Bild begonnen hat zu malen, konnte sie den Stift nicht aus der Hand legen, bevor das Bild nicht fertig gemalt war.
Ihre besserwisserische Art und ihr Perfektionismus kamen weder bei den Lehrern noch bei den Mitschülern gut an. Immer wieder merkte sie, dass sie aneckte und ihre Mitmenschen seltsam auf sie reagierten. Ihr fiel es schwer, zu verstehen, warum andere Kinder all das nicht wissen wollten. Ihre Mutter versuchte ihr zu erklären: „Nicht alle Kinder sind so neugierig wie du!“ Ihre Großmutter allerdings war häufig genervt von ihrer Fragerei: „Sei nicht so neugierig! Mach einfach, was ich dir sage!“
Als dann ebenfalls in der Schule die Klassenkameraden auf ihre ständigen Unterbrechungen zunehmend genervt reagierten, überlegte sie: „Ist es schlecht neugierig zu sein? Bin ich böse, wenn ich Fragen stelle?“ Sie fand keine Antwort darauf.
In der vierten Klasse wollte dann niemand mehr neben ihr sitzen. In den Pausen schubsten ihre Mitschüler sie herum und sagten: „Du stinkst!“ Sie wurde sehr einsam. Ihren Körper hasste sie, genauso wie alles andere an sich. Sie hasste sich, weil sie anders war. Sie wollte nicht anders sein. Sie wollte nur so sein, wie all die Anderen.
Als Hanna, ihre Klassenkameradin, ihr dann unter vier Augen sagte: „Ich mag dich ja ganz gerne, aber in den Pausen möchte ich nicht mit dir auf dem Schulhof gesehen werden“, merkte sie, dass sie etwas verändern muss. Sie stellte im Unterricht keine Fragen mehr und verzichtete darauf, den Kontakt zu ihren Klassenkameraden aufzusuchen. Sie kümmerte sich nicht mehr um andere, ihr wurde alles egal. Das kam gut an. Sie wurde von manchen zwar als „arrogant“ beschimpft, aber seitdem sie nur noch ihr eigenes Ding machte, kamen manche Klassenkameraden wieder auf sie zu und wollten sie mit in ihrer Gruppe haben. Dann aber wollte sie nicht mehr. Sie brauchte keine Freunde. Ihr war alles egal. Nichts mehr im Leben war ihr wichtig… dachte sie zumindest, bis zu einem gewissen Zeitpunkt.
Ihr eigenes Leben war ihr egal geworden. Sie spürte nichts mehr. Außer beim Ritzen, da spürte sie noch etwas. Es war erleichternd, wenn sie wenigstens Schmerz noch empfinden konnte. Daher begann sie, es regelmäßig zu tun. Wenn sie sich ritzte, tat es so weh, dass sie auch endlich weinen konnte. Ohne diesen Schmerz fühlte sie sich nicht mehr lebendig. Ihr Leben war leer.
So sah das Leben von Lisa bisher aus. Doch vor einem halben Jahr, hatte sie etwas erfahren, das ihr Leben völlig veränderte.Durch ein Coaching, welches speziell auf Menschen wie sie ausgerichtet ist, hat sie ein tieferes Verständnis für ihre Situation entwickelt. Dadurch hat sie etwas sehr Wichtiges gelernt.
Bereits vor dem Coaching hatte sie während eines Aufenthaltes in einem Sommerlager eine Ahnung davon erhalten, was ihr Anderssein ausmacht. Es war ein Sommerlager für besonders neugierige Jugendliche gewesen, wo sie während der Ferien im Labor forschen konnte. Das Forschen selbst hatte ihr zwar ebenfalls Spaß bereitet, aber das, was sie wirklich berührt hatte, waren die Menschen. Absolut fasziniert berichtete sie, als sie wieder daheim war: „Mama, die ticken alle genauso wie ich! Da bin ich kein Außenseiter, da bin ich so normal wie alle anderen. Und die verstehen mich, egal wie schnell ich rede und denke.“
In dem Coaching hatte sie nun gelernt, dass es nicht schlimm ist, anders zu sein. Nein im Gegenteil, dass es gut ist, anders zu sein. Ihr Selbstbewusstsein, welches schon lange gar nicht mehr vorhanden bzw. dann nur aufgesetzt war, kam langsam wieder. Es waren harte Monate gewesen, doch langsam begann etwas in ihr, sich selbst wieder zu lieben.
Vor einer Woche hat sie sich fest vorgenommen: „Ich darf anders sein! Es ist gut, dass ich anders bin! Und ich liebe mich, so wie ich bin!“

*Dieser Name und diese Biografie sind erfunden, ähneln aber einigen bekannten Fallbeispielen.

So kann das Leben von hochbegabten oder hochsensiblen Kindern aussehen, die nicht erkannt werden, keine Unterstützung erhalten und keine Gleichgesinnten finden. Es kann aber auch ganz anders aussehen, nämlich kreativ, erfolgreich und spannend.

Konflikte durch unterschiedliche Wahrnehmungen

Ob hochbegabt, hochsensibel oder auch autistisch… Menschen mit außergewöhnlichen Eigenschaften gehen mit einer anderen Wahrnehmung in die Welt und das kann Probleme hervorrufen. Alleine schon, weil wir in unserer Kommunikation häufig die Erwartung haben, dass unser gegenüber „das doch merken müsste!“, also etwas genauso wahrnimmt, wie wir. Dies ist jedoch nicht immer so! Jeder Mensch nimmt die Welt anders wahr. Sich daran täglich zu erinnern, kann schon einige Konflikte vermeiden.
Stellen Sie sich vor, Sie reden mit einer blinden Person und wissen nichts von ihrer Erblindung. Schon bald würden Sie sich fragen: „Warum folgt ihr Blick nicht meinen Bewegungen, wenn ich auf etwas zeige?“ So geht es auch hochsensiblen oder hochbegabten Menschen im Umgang mit ihrem Umfeld: „Warum verstehen sie mich nicht? Ich hab es doch ganz logisch erklärt“ oder „Warum merkt er das nicht? Ich spüre das doch direkt!“
Besonders für Kinder mit diesen Eigenschaften ist es schwer, den Unterschied zu begreifen. Jedoch ist es wichtig, ihn zu verstehen und sich nicht anzupassen. Denn wie in dem Beispiel erläutert, kann ein „Nicht-Wissen“ über das eigene Anderssein zu schweren psychischen Symptomen und Selbstzweifeln führen. Besonders in Deutschland ist es für solche „anderen“ Menschen schwierig zurecht zu kommen, denn bereits in der Grundschule lernen wir uns „anzupassen“, uns in die Norm einzufügen. Dies hat jedoch für unsere ganze Wirtschaft große Auswirkungen. Wenn wir Kinder bereits in der frühesten Kindheit dazu zwingen, sich anzupassen und sich „nicht so anzustellen“, nicht „so sensibel“ zu sein, führt es dazu, dass sie nicht lernen, ihre Sensibilität und ihre Intelligenz als Stärke zu nutzen. Stattdessen werden sie sich ihr Leben lang für ihr „Anderssein“ schämen und „krank“ fühlen. Nutzen sie jedoch ihre Intelligenz und ihre Sensibilität, können sie sehr kreativ, innovativ und erfolgreich werden. Wenn wir später in Unternehmen auf Diversität setzen, sollten wir im Kindergarten damit beginnen! Jeder Mensch ist anders und das ist gut so!

Wie Sie Ihr Kind mit seinen Fähigkeiten stärken

Denken Sie ihr Kind ist anders? Dann unterstützen sie es in der Selbstakzeptanz. So kann es selbstbewusst ins Leben starten mit dem Verständnis: „Ich darf anders sein! Ich liebe mich, so wie ich bin!“ Wenn Sie ihr Kind darin unterstützen wollen, seine Potentiale zu entdecken und zu entwickeln, ist es aber auch für Sie als Eltern wichtig, sich selbst und Ihren eigenen Werdegang zu betrachten. Hatten Sie ebenfalls häufig das Gefühl, in anderen Strukturen zu denken als Ihre Mitmenschen? Reden und denken Sie schnell? Haben Sie eine starke Wahrnehmung? Konnten Sie Ihre Kreativität und Ihre Energie gut ausleben? Wie hat Ihre Umgebung auf Sie reagiert?
Denn den größten Einfluss auf die Kinder haben die Eltern. Haben diese ihre Sensibilität, Kreativität und Intelligenz nicht ausleben können, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass auch ihre Kinder sich anpassen und nicht den Mut haben werden, ihr Anderssein auszuleben. Beginnen Sie also bei sich! Beginnen Sie, sich so zu lieben, wie Sie sind und Sie werden auch ihren Kindern vieles davon mitgeben können. Leben Sie ein kreatives, erfolgreiches und spannendes Leben!

Autorin:
Alice Moustier ist Querdenker-Gärtnerin. Sie gießt Querdenker, damit sie besser blühen, wachsen und gedeihen. Als Coach und Referentin zum Thema Motivation und Talentmanagement berät sie Unternehmen, wie sie Querdenker (insbesondere sehr sensible und begabte Menschen) erkennen und erfolgreich einsetzen können. Als Lehrerin begann sie 2013 an einer Hochbegabtenschule zu arbeiten und machte sich daraufhin in diesem Bereich selbstständig. Als Mediatorin (Konfliktmanagement) liebt sie es, den Menschen einen neuen Blick auf ihre Situation zu geben.