Lernfrust statt Lernlust?

Welche Hilfe braucht mein Kind, wenn Lernen schwer fällt?

Ist ihr Kind gut begabt und hat trotzdem Probleme in der Schule? Bekommen Sie die Rückmeldung: „Ihr Kind stört zu viel den Unterricht.“, „Es passt nicht auf.“ oder „Es kann sich nicht konzentrieren.“? Stecken Sie in einer Spirale von Streit, Wutausbrüchen, Motivationslosigkeit und Schulangst?
Kinder begegnen anfangs Neuem mit Interesse, stellen Fragen, wollen alles anfassen und erkunden. Woran liegt es dann, dass viele Kinder die Lust am Entdecken und Lernen verlieren oder sogar das Lernen und die Hausaufgaben verweigern? Betroffene Kinder und Familien brauchen Hilfe, um aus dem Teufelskreis auszubrechen. Ohne eine spezifische Förderung ist die Gefahr des schulischen Scheiterns sehr groß, sagt auch der Leiter der Ludwig-Maximilians-Universität München. Doch ab wann braucht Ihr Kind Hilfe? Und ab wann braucht es Hilfe von außen?
Viele Kinder und Jugendliche haben Probleme, sich zu konzentrieren. Die Hausaufgaben dauern Stunden und in der Schule haben sie wieder nicht aufgepasst. Die einen fallen durch ihre permanente körperliche Unruhe und Impulsivität auf, die anderen durch ihre Verträumtheit. Diese Kinder bekommen oft die Diagnose ADHS oder AHS, also Aufmerksamkeitsdefizit mit oder ohne Hyperaktivität. Wobei es diesen Kindern aus meiner Erfahrung nicht an Aufmerksamkeit mangelt, sondern daran, ihre Sinneseindrücke nicht auf das Gewünschte zu fokussieren. Sie können wichtige Reize nicht von unwichtigen Reizen unterscheiden, lassen sich leicht ablenken und setzen eigene Prioritäten. Sie sind wenig anstrengungsbereit und schnell frustriert. Sobald sie eine Sache interessiert, sind sie aber mit Feuereifer dabei und können sich dieser Aufgabe intensiv widmen.

Aber welche Fähigkeiten ermöglichen erfolgreiches Lernen?

Die Fähigkeiten, seine Aufmerksamkeit bewusst – längere Zeit – auf etwas Wahrgenommenes zu lenken, sich also auf etwas zu konzentrieren, muss erst einmal gelernt werden. Dies bedarf einer gut funktionierenden Impulssteuerung, um eine Aufgabe zu planen und gezielt zu Ende zu führen. Dabei ist die Speicherkapazität des Arbeitsgedächtnisses von großer Bedeutung, das Informationen kurzzeitig speichert. Hier steht uns nur eine begrenzte Speicherkapazität von ca. sieben Einheiten in nur wenigen Sekunden zur Verfügung. Das Arbeitsgedächtnis benötigen wir z.B., um einen längeren Satz zu verstehen oder um sich beim Lösen einer Rechenaufgabe an das errechnete Zwischenergebnis zu erinnern. Es ist die Basisfähigkeit für Lesen, Schreiben und Rechnen.
In jeder Klasse haben wir Kinder, die große Schwierigkeiten haben, altersentsprechend Lesen, Schreiben oder Rechnen zu lernen. Mehr als die Hälfte der getesteten Kinder mit einer Rechenschwäche zeigen auch eine Lese- und Rechtschreibschwäche. Bemerkt man das bei einem Erst- oder Zweitklässler, so beschwichtigen die Lehrer oft, dass dies kein Grund zur Beunruhigung sei. Sie müssen einfach mehr üben. Dabei wissen wir heute, wer bereits in der 2. Klasse Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben oder Rechnen hat, schafft es in der 8. Klasse kaum auf durchschnittliche Leistungen. Eine Diagnostik sollte möglichst früh erfolgen, bevor sich Lern- und Leistungsstörungen gefestigt haben, und die Lernlücken unüberschaubar werden.
Die These, ADS / ADHS, Lese-, Rechtschreibschwäche (Legasthenie) und Rechenschwäche (Dyskalkulie) verwachse sich im Laufe der Jahre, ist widerlegt. Unbearbeitete Lernschwierigkeiten können einschneidende Folgen für den weiteren Schulerfolg und die persönliche Entwicklung Ihres Kindes haben.

Braucht mein Kind vielleicht Förderunterricht oder Nachhilfe?

Oft benötigen Kinder Unterstützung bei den Hausaufgaben. Hier kann es helfen, dass ein Elternteil den Schulstoff nochmals sehr geduldig erklärt und begreiflich und anschaulich vermittelt. Die Eltern-Kind-Beziehung darf dabei aber nicht belastet werden. Das kann dazu führen, dass die Hausaufgabensituation zum alltäglichen Kampf ausartet und sich Konflikte aufbauen.
Hier ist es ratsam, Unterstützung durch Dritte hinzuzuziehen. Nachhilfe hat seine Berechtigung, wenn der Unterrichtsstoff für eine kürzere Zeit oder ein spezielles Thema in Mathematik oder Physik nicht verstanden wurde. Durch Fehlzeiten oder Schulwechsel kann Unterrichtsstoff versäumt worden sein, der aufgearbeitet werden muss.
Führt Nachhilfe längerfristig zu keinem Fortschritt und nicht zu selbst­organisiertem Lernen, so gehen die Lernschwierigkeiten über normale Lernlücken hinaus. Das betrifft meist Kinder und Jugendliche, die schon längere Zeit in mehreren Fächern den Anschluss an den altersentsprechenden Lernstoff verloren haben. Hier muss an den Grundlagen angesetzt werden.

Wie merke ich, ob mein Kind Lerntherapie benötigt?
Und was unterscheidet Nachhilfe von Lerntherapie?

In den allermeisten Fällen belastet Sie die Lernsituation seit Längerem. Hat sich das Verhalten Ihres Kindes verändert? Schweifen seine Gedanken ständig von dem ab, was es gerade tut oder tun soll? Ist der Familienfrieden gefährdet? Geht Ihr Kind nicht mehr gerne zur Schule, hat es öfters, besonders morgens, Bauch- und Kopfschmerzen? Fehlen wichtige Grundlagen oder liegt eine Lese, Rechtschreibschwäche oder eine Rechenschwäche vor, die meist durch eine Aufmerksamkeitsstörung begleitet ist, sollte eine Lerntherapie besucht werden.
Wer anhaltende Schwierigkeiten in der Lesegenauigkeit, Lesegeschwindigkeit oder im Leseverständnis hat oder die Rechtschreibung und die Grammatik nicht beherrscht, bekommt bald auch Probleme in anderen Fächern, wie Englisch, Biologie oder Geschichte. Wer keine Vorstellung von Mengen, Größen, Grundrechenarten, von unserem Stellenwertsystem, Mustern, Raum- und Zeitangaben hat, wird bald an seine Grenzen stoßen. Kinder mit Rechenschwäche zeigen schon oft Ende der ersten Klasse Auffälligkeiten beim Umgang mit Zahlen, die sich dann bei der Erweiterung im Zahlenraum über 100 steigern. Viele Kinder haben sich Kompensationsmechanismen angeeignet, so dass die Lernschwäche zunächst nicht erkannt wird.
Ein Üben und Wiederholen ist bei einer solchen Lernstörung nicht ausreichend, ja sogar kontraproduktiv. Gute Lerntherapeuten können Lern- und Leistungsstörungen diagnostizieren, erfassen das Begabungsprofil Ihres Kindes mit seinen Stärken und Schwächen. Sie gehen ganz individuell auf den Leistungsstand des Schülers ein und leiten daraus konkrete Maßnahmen ab. Hierzu findet das Lerntraining im Einzelcoaching statt, so dass große Lernfortschritte in kurzer Zeit erzielt werden. Versäumte Lerninhalte werden mit den passenden Lernstrategien aufgearbeitet, Störfaktoren reduziert, um eine stabile Aufmerksamkeit des Schülers herzustellen. Denn erst auf einem soliden Fundament kann ein Haus gebaut werden. Integrative Lerntherapeuten mit pädagogischer und psychologischer Ausbildung beraten die Eltern und tauschen sich auch, wenn gewünscht, interdisziplinär mit Lehrern oder Ärzten aus. Der Erfolg und die Anerkennung fördern ein neues Selbstvertrauen und lassen Motivation wachsen und eröffnen den Schülern einen neuen Zugang zum Lernen.


Autorin:
Claudia Boeden, Lerntherapeutin FiL,
TalentEntwicklung
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