Schulangst

Kann Schule krank machen?

Ängste und Verunsicherungen sind gerade in dieser Ausnahmesituation, in der wir uns alle seit Wochen befinden, präsent. Die erste Freude über den Schulausfall ist verflogen. Bei den jüngeren Kindern geht es jetzt um die Frage „Wann kann ich meine Freunde wieder ganz normal treffen?“ Jugendliche hat lange Zeit die Sorgen beschäftigt, wann und unter welchen Bedingungen nun ihre Prüfungen stattfinden werden. Und die Eltern geraten gerade an ihre Grenzen, die sich aus mangelnder Alltagsstruktur, aus Balanceakt zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung ergeben. Gerade die neue Verantwortung als ‚Lehrkraft‘ wird von Eltern als unglaublich belastend empfunden. So ist das schulische Lernen, das Erarbeiten von neuen Lerninhalten vollständig zuhause zu schultern, neben Job und existentiellen Sorgen. Gleichzeitig fehlen die Ablenkungsmöglichkeiten, da immer noch ein Großteil der Freizeit- und Sportstätten geschlossen ist.

Bereits vor dem Homeschooling waren laut einer Untersuchung der Krankenkasse DAK rund 24 Prozent aller Jungen und Mädchen im Schulalter zwischen 10 und 17 Jahren von einer psychischen Erkrankung oder Verhaltensstörungen betroffen. Bei mehr als zwei Prozent der Kinder und Jugendlichen waren sogar Angststörungen bis hin zu Depressionen und Entwicklungsstörungen diagnostiziert worden. Mädchen sind davon doppelt so häufig betroffen wie Jungen. „Die Kinder leiden oft leise, bevor sie eine passende Diagnose bekommen“, sagt der Leiter der DAK-Landesvertretung Cord-Eric Lubinski. Neun Prozent der depressiven Kinder mussten in den Jahren 2016 und 2017 oft mehrmals in einer psychiatrischen Klinik behandelt werden. 

Angst ist eine lebenswichtige Strategie

Gemeint ist dabei nicht die Angst vor einer Klassenarbeit oder einer Prüfung, die wir ja alle schon einmal erlebt haben. Angst ist eine lebenswichtige Strategie, die uns warnt und vor Gefahren schützt. Problematisch ist es aber dann, wenn die ständige Angst vor der Schule und den Leistungsanforderungen und der ständige Konflikt mit Lehrern oder Mitschülern ein bestimmtes Ausmaß überschreitet. Diese erhöhte Adrenalinausschüttung kann körperliche Symptome und eine Leistungs- und Versagensangst auslösen. In der Regel äußern betroffene Kinder und Jugendliche ihre Ängste nicht direkt. Dieses Leiden bleibt daher oft unentdeckt.

Symptome rechtzeitig erkennen

Ängste und Verunsicherung können sich in nahezu der gesamten Bandbreite des menschlichen Verhaltens zeigen. Oft sind sie von psychosomatischen Symptomen wie Bauch- und Kopfschmerzen, schlechtem Schlaf, ständiger Müdigkeit, motorischer Unruhe, Traurigkeit, Wutausbrüchen, Zurückgezogenheit oder Motivationslosigkeit begleitet. Wir alle müssen daher wachsam sein und Anzeichen psychischer Auffälligkeiten frühzeitig erkennen. Hat sich das Verhalten Ihres Kindes in letzter Zeit verändert? Oft können wir diese Veränderungen nicht deuten, wissen nicht, was mit dem Kind ‚nicht stimmt‘. Besonders anfällig für psychische Erkrankungen sind Schüler im Alter zwischen 11 und 18 Jahren. Hier reift ihre Identität, ihr Selbstvertrauen. Psychische Auffälligkeiten sind in dieser Phase keine Bagatelle und können nicht immer mit Pubertät erklärt werden. 

Wo liegen die Ursachen?

Die Ursachen können vielfältig sein. Sie können im häuslichen Umfeld liegen, wie Tod, Erkrankungen oder Trennung der Eltern. Auch die Schule beeinflusst die Gesundheit unserer Kinder mehr als bislang angenommen wurde: eine gestörte Lehrer-Schüler-Beziehung, ein schlechtes Lernklima, Gewalt oder Mobbing. Schüler, die gemobbt werden, sind anfälliger für Ängste und depressive Symptome und kranken oft noch Jahre später an psychosomatischen Beschwerden. Diese Situation belastet das gesamte Familienleben. Häufig werden eine Psychotherapie oder ein Schulwechsel notwendig. Andere Ursachen sind unerkannte und unbehandelte gesundheitliche Probleme wie z.B. eine visuelle oder auditive Verarbeitungsstörung.

Aber auch eine Leistungsüberforderung aufgrund einer Lern- und Leistungsstörung, wie beispielsweise eine Lese-Rechtschreibschwäche, eine oft nicht diagnostizierte Rechenschwäche oder Aufmerksamkeitsstörung können Ursachen sein. So sind zum Beispiel schriftsprachliche Anforderungen für Kinder mit Lese-Rechtschreibstörung oftmals per se angsterfüllend. Auch eine nicht rechtzeitig erkannte Dyskalkulie kann fatale Spätfolgen haben. Wer länger anhaltende Lernschwierigkeiten hat, die sogar in mehreren Fächern bestehen, wer den Anschluss an den altersentsprechenden Lernstoff verloren hat und wo Grundlagen fehlen, sollte Rat bei einer Lerntherapie holen.

Da das Umfeld den Misserfolg wahrnimmt und zumeist auch negativ rückmeldet, tritt ein Gefühl des Bloßgestelltseins vor anderen ein, was zu einer prinzipiellen Abwehrhaltung führen kann. Wir streben alle nach Erfolg und Anerkennung, doch die bleibt aus. Der eigene Ärger hierüber kann sich positiv auswirken, wenn er motiviert, sich mehr anzustrengen. Aber er kann ebenso negative Folgen haben, die in Aggression oder Rückzug umschlagen kann. Es entwickeln sich Verhaltensstörungen, mit denen mangelnde Anerkennung zu kompensieren versucht wird.

Ein Teufelskreis beginnt

Fehlen dem Kind oder Jugendlichen Bewältigungsstrategien für diese Stresssituationen, steigert es sich in die Angst hinein. Eine lange Reihe von schulischen Misserfolgen und Lernblockaden bis hin zu Schulangst kann weitgehende Folgen haben. Das erlebte eigene Versagen verschärft die Furcht, wieder zu versagen und den Erwartungen der Umgebung nicht gerecht zu werden. So kann es zu einem Teufelskreis aus Versagen und Vermeidung kommen, um solch angstbesetzten Momenten entgegen zu wirken. Denn was ich nicht kann, mag ich nicht und was ich nicht mag, mach ich nicht und was ich nicht mache, kann ich nicht und die Spirale nimmt ihren Lauf. Ständige Misserfolge und Überforderungen können zu einem falschen Selbstbild führen.

Qualifizierte professionelle Förderung vereint Erkenntnisse aus den Bereichen der Psychologie, Psychotherapie, Pädagogik, sowie der Fachdidaktik Deutsch und Mathematik. In einer vertrauensvollen Atmosphäre gilt es, die Förderung im defizitären Leistungsbereich entwicklungsentsprechend und motivierend zu gestalten. Hier wird nach eingehender Förderdiagnostik am individuellen Entwicklungs- und Leistungsstand des Schülers oder der Schülerin angesetzt. Neben dem Erlernen von Arbeitstechniken spielt das Training von Bewältigungsstrategien zur Reduzierung der Angst und zur bewussten Steuerung der Aufmerksamkeit sowie die Steigerung der Motivation eine wesentliche Basis. 

Neues Selbstbewußstsein schaffen

Aber Schulangst kann nicht nur überwunden werden mit Sitzungen beim Therapeuten oder Psychologen. Mindestens so wichtig ist die soziale Integration im Sport-, Kunst- oder Musikunterricht. Der Umgang mit Erfolgen und Misserfolgen, das Steigern der Anstrengungsbereitschaft und Frustrationstoleranz können wunderbar beim Sport oder Musizieren geübt und gesteigert werden. Hier werden eigene Grenzen überwunden und Vertrauen geschöpft. Diese gemeinsamen Erlebnisse fördern zudem die emotionale und soziale Kompetenz. Ein neues Selbstvertrauen wird geschöpft, das wiederum auf andere Bereiche übertragen wird. 

Auch Sie als Eltern beeinflussen maßgeblich das Verhalten ihres Kindes. Haben Sie hohe Erwartungen, setzen Sie Ihr Kind unter Druck, vergleichen Sie es mit anderen? Die Eltern und Bezugspersonen müssen daher von Anfang an in den Prozess eingebunden werden. Die Leitlinien für umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten der deutschen Gesellschaft für Kinder- und  -Jugendpsychiatrie sehen die Einbeziehung sowie Anleitung der Eltern durchaus als wesentliche Ressource zum Erreichen der Therapieziele. Eltern erhalten so einen geschulten Blick für die Stärken und Schwächen ihrer Kinder. 

Das Wichtigste aber ist, so früh wie möglich Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen. Oft kommen Eltern mit ihren Kindern erst in meine Beratung, wenn sich die Symptomatik und die Vermeidungsstrategien schon über Jahre verfestigt haben. Aber je früher Sie sich professionelle Unterstützung suchen, desto schneller wird die familiäre Situation entlastet. Suchen Sie das vertrauensvolle Gespräch mit den Lehrern oder dem Schulpsychologischen Dienst. Nehmen Sie die Sorgen Ihrer Kinder ernst.

Autorin

Claudia Boeden

Lehrerin & Lerntherapeutin M.A.
TalentEntwicklung
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