Gelbsucht bei Neugeborenen

Über die Hälfte aller Neugeborenen entwickeln in den ersten Lebenstagen eine gelbliche Hautfarbe, auch die Augen verfärben sich gelb. Es handelt sich um die Neugeborenengelbsucht. Aber keine Sorge: Meist ist das Baby schon in der zweiten Lebenswoche wieder rosig und gar nicht mehr gelb.

Was ist Neugeborenengelbsucht?

Es ist der Anstieg des gelben Gallenfarbstoffs Bilirubin im Körper. Ab einer bestimmten Menge führt dieser zur gelblichen Färbung der Haut und Augen.

Wie kommt es zu einer „normalen“ Neugeborenengelbsucht?

Um das zu erklären, muss ich ein wenig ausholen: Im Mutterleib wird das Kind über die Nabelschnur von der Mutter versorgt. Mit allem! Auch mit Sauerstoff. Der Sauerstoff im Blut wird, gebunden an den roten Blutfarbstoff, zu den Organen transportiert, wo er abgegeben wird, da er dort gebraucht wird. So wird der Sauerstoff auch über das Blut der Mutter zum Kind transportiert. In der Plazenta, dem Mutterkuchen, begegnen sich das mütterliche Blut auf der einen Seite und das Blut des ungeborenen Kindes auf der anderen Seite, getrennt durch eine hauchfeine Membran.
Damit das kindliche Blut dem Blut der Mutter den Sauerstoff abnehmen kann, muss es diesen etwas fester binden, als der rote Blutfarbstoff der Mutter dies tut. Das hat die Natur großartig eingerichtet: Die Mutter hat, wie wir alle, einen Farbstoff, den wir Hämoglobin A nennen (HbA), die roten Blutkörperchen des ungeborenen Kindes aber Hämoglobin F (HbF), das genau diese Anforderungen erfüllt. Natürlich gibt dieses HbF dadurch, dass die Bindung fester ist, den Sauerstoff auch nicht ganz so leicht wieder ab. Damit die Organe des heranwachsenden Babys trotzdem ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden, hat das Ungeborene sehr viel von diesem Farbstoff, etwa eineinhalb Mal so viel, wie HbA in unserem Blut enthalten ist. Das Baby ist im Fruchtwasser der Schwerkraft noch nicht ausgesetzt, bewegt sich regelmäßig, sodass das etwas „dickere“ Blut keine Probleme macht.
Sofort nach der Geburt, mit dem ersten Schrei, fängt das Baby an, sich selbst mit Sauerstoff zu versorgen. Die Lunge, die vor der Geburt weder belüftet, noch durchblutet war, öffnet sich für den Luft- und Blutkreislauf. Ab der Geburt sind die besonderen Eigenschaften des HbF überflüssig, das HbA ist jetzt der günstigere Farbstoff. Und auch ein etwas „dünneres“ Blut als das des Ungeborenen ist von Vorteil. Innerhalb weniger Tage baut der Körper daher das überschüssige HbF ab und beginnt HbA zu produzieren.
Unser Körper ist ein Experte des Recyclings. Das im HbF enthaltene Eisen wird in den Eisenspeichern des Körpers verwahrt und versorgt das Baby über viele Monate mit diesem wichtigen Element, denn Muttermilch ist sehr eisenarm. Auch viele andere Bestandteile der roten Blutkörperchen, die das fetale Hämoglobin enthalten und abgebaut werden, werden wieder genutzt. Übrig bleibt unter anderem das Abbauprodukt Bilirubin, das über die Galle ausgeschieden wird. Bei uns übrigens auch, denn kein rotes Blutkörperchen lebt ewig. Wird es zu alt, wird es abgebaut und ein neues gebildet. >>
Die Gallenproduktion erfolgt in der Leber. Und die Leber des Neugeborenen ist noch sehr unreif. So kommt es, dass das Bilirubin nicht schnell genug in die Galle transportiert wird und zum Teil wieder in das Blut zurück gelangt. Und das sehen wir als „normale“ Neugeborenengelbsucht.
Nach ein bis zwei Wochen ist die Leber reifer, ein großer Teil des HbF bereits abgebaut und das Kind ist nicht mehr gelb. Bei voll gestillten Kindern kann dieser Vorgang etwas länger dauern, da die Leber mit Bestandteilen der Muttermilch zusätzlich beschäftigt ist. Auch das ist normal und kein Grund zur Sorge.

Ist die Neugeborenengelbsucht immer physiologisch, d.h. „normal“?

Nein. Es gibt tatsächlich Störungen, die zu einer krankhaften Neugeborenengelbsucht führen können. Ihre Hebamme und Ihr Kinderarzt werden Ihr Kind gut beobachten und beim geringsten Verdacht auf eine krankhafte Störung weitere Untersuchungen anordnen. Bei der nicht-physiologischen Neugeborenengelbsucht unterscheidet man:

Die Schwere Gelbsucht (Icterus gravis):

Steigt der Bilirubinwert über einen bestimmten, altersabhängigen Grenzwert an, muss zum einen die Ursache gefunden und wenn erforderlich behandelt werden. Zudem erhält das Baby eine Lichttherapie, um das Bilirubin abzubauen, damit es sich bei sehr hohen Spiegeln nicht in Gewebe einlagert, wo dies nicht gut ist.

Die Vorzeitige Gelbsucht (Icterus praecox):

Tritt die Neugeborenengelbsucht bereits am ersten Tag nach der Geburt auf, muss auch dies untersucht werden. Manchmal liegt hier eine Blutgruppenunverträglichkeit zwischen Mutter und Baby vor oder eine andere Störung, bei der die roten Blutkörperchen in ungesundem Maße zerfallen.

Die Verlängerte Gelbsucht (Icterus prolongatus):

Normalisiert sich der Bilirubinwert nach der 2. Lebenswoche nicht, bedarf dies auch genauerer Untersuchung. Ausnahme: minimal erhöhte Werte bei voll gestilltem Kind.

Die Grün-Gelbsucht (Verdin-Icterus):

Hat das Neugeborene nicht den karottengelben Farbton des normalen Neugeborenenikterus sondern sieht ein wenig bronzefarben aus, so ist eine Untersuchung der Leber und der Gallenwege erforderlich. Ihre Hebamme und Ihr Kinderarzt sehen das sofort und veranlassen entsprechende Untersuchungen.

Kann man den Rückgang der „normalen“ Neugeborenengelbsucht beschleunigen?

Ja! Unterkühlung behindert die Leberfunktion, Sonnenlicht fördert den Abbau des Bilirubins in der Haut und die Bruchstücke werden mit dem Urin ausgestiegen.
Um die „gelbe Phase“ abzukürzen, ist es wichtig, das Kind ausreichend warmzuhalten, damit die Leberfunktion optimiert wird und möglichst schnell reift. Spaziergänge an frischer Luft, Aufenthalte auf dem Balkon oder im Garten unter blauem Himmel, aber nicht in der direkten Sonne (Achtung: Sonnenbrand vermeiden!) helfen, das Bilirubin in der Haut abzubauen. Auch eine ausreichende Trinkmenge des Neugeborenen (bevorzugt Stillen, da das Kolostrum die Darmtätigkeit anregt), kürzen die „gelbe Phase“ dadurch ab, da die aufgenommene Flüssigkeit das Bilirubin im Blut verdünnt und seine Bruchstücke über die Niere ausgeschieden werden.

Autor:
Dr. med. E. M. Nitsche, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Schwerpunkt Kinder- Endokrinologie und -Diabetologie, Neonatologie.
Praxis in der Lindenstr. 13, 23558 Lübeck