Familienalltag im Ausnahmezustand

Zusammenhalt in einer außergewöhnlichen Zeit

Es ist erstaunlich, wie uns die Natur derzeitig die Stirn bietet und unfreiwillig, unbewusst beugen wir uns ihrer Gewalt – unserer Gesundheit zuliebe und schenken dabei der Umwelt aus einer ganz anderen Perspektive neue Aufmerksamkeit. Zugegeben, die erste Woche fühlte sich innerhalb unserer vierköpfigen Familie erst einmal wie Urlaub an. Und solange hat es auch gebraucht, sich wieder aneinander zu gewöhnen, als Familie und das auf engem Raum, d.h. mit dem Luxus eines eigenen Gartens. Das schätzen wir nun sehr! 

Woche eins

In der ersten Corona Woche schauen wir uns täglich logo Nachrichten auf dem KIKA Sender an, um auch für die Kinder anschaulich werden zu lassen, was um uns herum gerade passiert. Und ich bemerke dabei, wie wichtig es ist, Kinder grundsätzlich altersgerecht an Nachrichten teilhaben zu lassen. Sie sind neugierig und interessiert an ihrer Umwelt und haben das Recht, ebenfalls informiert zu sein. Dabei sollten wir nicht aus den Augen verlieren, dass es auch gute Nachrichten gibt! Also, her damit! Die Welt ist bunt und voller schöner Dinge, die uns in ihrer Vielfalt bereichern.

Nach anderthalb Wochen habe ich das erste Mal das Gefühl, wir könnten einen Tagesplan, eine tägliche Struktur vertragen. Jeder hat seinen (Schlaf-) Rhythmus und startet einzeln in den Tag, so dass wir schon zum Frühstück nicht wirklich zusammen kommen. Ich muss an meine Kollegin denken, die mir von ihrem Alltag mit zwei Kindern erzählt und dabei so achtsam und liebevoll einen Tagesplan für sich und ihre Familie erstellt hat. Ihr aufgeweckter, lebhafter Sohn fordert sie noch einmal ganz anders und lässt sie bei all dem Verzicht auch den Verlust des vorher eigenen Gartens vor der Tür spüren. Ich beneide sie um ihr Organisationstalent und merke selbst, dass meine Familie dem talentbefreiter gegenüber steht. Da bleibt dann auch der Vorschlag einer kreativen Wunschliste aller Familienmitglieder für die kommenden Wochen gänzlich auf der Strecke. Das macht mich etwas unglücklich, denn wenn nicht jetzt, wann dann?! Bis meine Freundin mir sagt, dass unsere Kinder uns als Eltern ja um sich haben und vielleicht nicht mehr brauchen. Recht hat sie. Es macht keinen Sinn, sich durch zahlreichen Tipps, die uns medial zugespielt werden, verwirren zu lassen, die nicht gelebt werden können. Also kein sportiver Morgenkreis, gefolgt von kreativer Schaffensphase mit anschließender Spielrunde und späterem Spaziergang. Das sind wir (leider) nicht, also lieber jedem das Seine.

Home Office

Home Office stellt für mich eine Herausforderung dar. Da ist mein Mann, ebenfalls im Home Office, der das Arbeitszimmer belegt und täglich mindestens ein Telefonmeeting hat, das sich gerne über ein bis zwei Stunden erstreckt. Dann schleicht der Rest der Familie mehr oder weniger durchs Haus und wartet auf ein Ende der Konferenz. Tja, wo bleibe ich selbst mit meinen dienstlichen Aufgaben? Unsere offene Wohnküche bietet mir keine Rückzugsmöglichkeit. Als Durchgangszimmer bin ich am Esstisch Ansprechpartner für jeden und in den Abendstunden leider längst nicht mehr so kreativ wie am Morgen. Also kann ich auch dieses Zeitfenster nur schwer mit Ergebnissen füllen. Viele kleine, halbfertige Baustellen…

Der Frühling beschenkt uns gleich zu Beginn mit herrlichem Sonnenschein und macht uns allen die eingeschränkte Freiheit dadurch erträglicher. Merklich habe ich das Gefühl, ausmisten zu wollen und auch zu müssen! All der Kram, den man vielleicht irgendwann einmal auf dem Flohmarkt verkaufen möchte, landet nach und nach in einem Karton, den ich bei uns an die Straße stelle. Meine jüngere Tochter bastelt noch ein schönes Schild mit der Aufschrift ‚ZU VERSCHENKEN’. Und ich freue mich jeden Abend aufs Neue, wenn ich den fast leeren Karton ins Haus hole, dass so viele Dinge einen neuen Besitzer gefunden haben. 

Kreativität ist gefragt

Langeweile weckt bekanntlich Kreativität und so basteln wir einen Traumfänger für Friedas beste Freundin. Vermutlich hätten wir unter gewöhnlichen Umständen ein Präsent aus dem Geschenkekorb gewählt und uns vielleicht nicht die Zeit genommen, selbst kreativ zu sein. Das Ergebnis ist schön anzusehen und wir freuen uns auf die Reaktion des Geburtstagskindes. Wir machen Spaziergänge, gehen in den Wald und spielen Verstecken oder erfinden ein Fangspiel mit Jägern auf Rollern. Wir haben Spaß miteinander und genießen in solchen Momenten bewusst die gemeinsame Zeit.

In Corona Zeiten wirkt alles irgendwie beruhigter und stiller. Das Stadtbild verändert sich und gleicht manchmal fast einer Totenstadt. Der Autoverkehr samt Geräuschpegel reduziert sich und bietet gleichzeitig den Radfahrern freiere Straßen. Selbst das Osterfest fühlt sich in diesem Jahr so anders an und die Stimmung ist weniger festlich. Kein köstliches Mittagessen bei den Großeltern mit dem Wohlgefühl, versorgt zu sein. Schon morgens müssen wir unsere Ältere am Ostersonntag wecken, während die Jüngere bereits ungeduldig wartet, wann die Ostereiersuche endlich losgehen kann.

Verzicht – fällt es uns wirklich so schwer, auf unsere gewohnten, vertrauten Dinge zu verzichten, die uns durch den Alltag begleiten und uns dabei manchmal entgleiten? Können wir nicht gerade seit langem mal wieder entschleunigen und uns weniger gehetzt fühlen? Einfach mal anderen Dingen nachgehen und dabei wertschätzen, welche Reichtümer wir bereits haben? Zugegeben, soziale Kontakte sind eine Bereicherung. Es ist herrlich, mit einem guten Freund im Gespräch zu sein, bei dem man sich ganz frei und ungezwungen fühlen kann. Doch haben wir in den letzten Wochen häufiger zum Telefon gegriffen?

Birgt diese, für die meisten von uns neue Situation vielleicht sogar zukünftig Ressourcen für ein besseres, wertschätzendes Miteinander?

Supermarkteinkäufe sind für mich – nach wie vor – eine anstrengende und unangenehme Angelegenheit, zumal jeder Supermarkt seine eigenen Hygiene-Schutzmaßnahmen hat. Manche Märkte sind so verwinkelt, dass man regelrecht erschreckt, wenn plötzlich ein anderer Kunde um die Ecke kommt und das Einhalten eines Sicherheitsabstandes unmöglich macht. Es ist auch oft eine gewisse Ignoranz, die mir begegnet und ich wundere mich, dass diese Botschaft bei vielen noch nicht angekommen zu sein scheint: haltet Abstand!

Woche 5

Woche 5 der Ausnahmesituation. Allmählich kommt jeder Einzelne von uns (nervlich) an seine Grenzen… Vielleicht bilde ich es mir auch nur ein oder sind die Heuschnupfen Symptome von meiner Tochter und mir tatsächlich gerade im Schlummermodus? Eine Laune der weniger verklärten Natur?

Ferienende. Während wir in dieser Zeit das Thema Schule wirklich beiseite gelegt haben, kommt das Schulmaterial nun zu ‘Schulbeginn‘ gleich einer gewaltigen Welle auf uns zu. Am dritten Tag muss eine Familienkonferenz einberufen werden, um mehr Transparenz in die Aufgaben der Kinder zu bekommen und als Eltern den Wunsch zu äußern, feste Hausaufgabenzeiten einzuführen. Es ist so wichtig, im Gespräch zu sein, um achtsamer miteinander umgehen und auf die Bedürfnisse des Einzelnen eingehen zu können. Bleiben Sie im Austausch. Ein Ende dieser (Homeschooling) Phase ist noch ungewiss.

Was vermisse ich am meisten? Mehr Bewegungsfreiraum, die sozialen Kontakte, ein Restaurantbesuch… und doch fühle ich mich entschleunigt, weniger zerrissen im Alltag und genieße die abendliche Ruhe, alle in ihren Betten zu wissen – in friedvoller Geborgenheit. Wir sind behütet und gesund. DANKE

Autorin: Joanna Koglin